Klezmer: Jiddische Musik in Deutschland. „Sol sajn“

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Klarinettist Giora Feidman ▪

Von Ralf Stiftel ▪ Bittersüß lockt die Klarinette über dem munteren Tanzrhythmus. Wie eine menschliche Stimme singt sie, krächzt dann wieder, schreit auf und flüstert plötzlich.

Giora Feidman bringt sein Ins trument auf einzigartige Weise zum Klingen. Als 1984 er in Peter Zadeks Inszenierung von Joshua Sobols Stück „Ghetto“ spielte, wurde der in Argentinien geborene Musiker auch in Deutschland berühmt. Klezmer wird mit Feidman identifiziert. Die Musik aber ist viel mehr als das, wie eine grandiose Zusammenstellung mit zwölf CDs zeigt: „Sol sajn – Jiddische Musik in Deutschland und ihre Einflüsse“. Feidmans Musik aus „Ghetto“ erklingt darauf auch, ist aber lange nicht der Anfang.

„Sol sajn“, das ist ein wunderschönes Lied von Jossef Papiernikoff über das Trotzdem: „Mag sein, dass es meinen Gott nicht gibt... Mein Streben ist nicht das Ankommen, sondern das Gehen auf einem sonnigen Weg.“ Die Herausgeber sind Musiker und Experten, Alan Bern von der Gruppe „Brave Old World“, Heiko Lehmann von „Aufwind“ und der Sammler Bertram Nickolay. Fast 250 Titel finden sich in der Edition. Umfassender findet man diese Musik so schnell nicht dokumentiert, gerade auch mit vielen Raritäten. Dabei räumen die Herausgeber ein, dass ihre Arbeit Lücken hat, zum Beispiel aus rechtlichen Gründen die Musik des New Yorker Saxophonisten John Zorn und seiner Mitstreiter.

Jiddische Lieder waren in der Bundesrepublik zunächst eine Musik des schlechten Gewissens. Die Deutschen hatten unter der Nazi-Herrschaft mit den Juden auch eine reiche Kultur ausgelöscht. Als in den 60er-Jahren die Studentenbewegung begann, die Verdrängung der Aufbaugeneration zu hinterfragen, da wurde auch die jüdische Kultur ein Thema. Die Folkbewegung entdeckt das jiddische Lied zuerst, Sänger und Gruppen wie Zupfgeigenhansel, Hein & Oss, Walter Moßmann. Nichtjuden versuchten, diese Musik wiederzubeleben. Einige jüdische Kommunisten und Antifaschisten wie die Sängerin Lin Jaldati und der Sänger Gerry Wolff gingen in die DDR, wo sie Lieder aufnahmen. Und Lea-Nina Rodzynek, die aus einem KZ geflohen war, nahm als Belina in beiden Teilen Deutschlands auf. Selbst Karel Gott nahm 1967 in Prag eine ekstatische Version von „Eli, Eli“ auf – zu hören auf CD 3.

Besonders nach der Wiedervereinigung gab es einen Boom jiddischer Musik und speziell von Klezmer in Deutschland. Internationale Gruppen kamen hierher und stellten fest, dass sie ein aufgeschlossenes Publikum fanden, mehr als zum Beispiel in den USA, wo die Musiker vor allem für ein jüdisches Publikum musizierten. Viele hatten Schwierigkeiten damit, im Land der Täter zu spielen. Aber der Klarinettist Davis Krakauer erklärt im dankenswert informativen Booklet: „Einige Leute werden zynisch, wenn es darum geht, jüdische Musik in Deutschland nach dem Holocaust zu spielen … Ich bin in diesem Punkt nicht zynisch. Die positive Botschaft von Feierlichkeiten und menschlichem Verständnis ist der größte aller Siege über Dunkelheit und Ignoranz für Juden und Nichtjuden gleichermaßen.“

Die CDs dokumentieren darum die globale Entwicklung jiddischer Musik. Viele Klezmer-Bands nahmen in den 1990er-Jahren Platten in Deutschland auf. Und in Weimar gibt es seit zehn Jahren den „Yiddish Summer Weimar“, ein Festival mit Workshop-Charakter. So findet man die bekanntesten internationalen Gruppen auch in der Sammlung.

Die Fülle dieser Musik ist grenzenlos. Klezmer hat die Fähigkeit, alle möglichen Musikstile zu integrieren. Die Vielfalt der 250 Titel reicht zu kammermusikalisch schlichten Liedern, nur von Gitarre, Piano oder Harfe begleitet, bis zu Instrumentaltiteln im traditionellen Klezmer-Stil. Da trägt Esther Bejarano, einst Mitglied des Mädchenorchesters von Auschwitz, das Klagelied „Treblinka“ vor. Die ungarische Gruppe Muzsikas fetzt mit Zymbal und Geige „Hat a Jid a Weibele“. Die Budapester Klezmer Band huldigt mit einem Klez-Dixie der „Rebbetsin“, der Frau des Rabbi. Da gibt es Free-Jazz-Anklänge bei „Daispora Redux“, einen „Rabbi Rap“ mit Gabi Heleen Bollinger, und Roots Reggae mit King Django. Dass führende Interpreten wie die Klezmatics, die Klezmorim, Brave Old World und Frank London vertreten sind, versteht sich von selbst. Hinreißend die Wucht und Wut eines Daniel Kahn mit seinem rockigen „Yosl Ber“, und von „Papirossn“, dem melancholischen Lied eines Zigarettenverkäufers, gibt es gleich zwei rockige Versionen. Repertoire-Dubletten sind hier ohnehin eher eine Bereicherung, weil jede Fassung andere Facetten eines Liedes herausstellt.

Und selbst die großen Strömungen dieser Musik kommen zu ihrem Recht: Die Herausgeber sehen die Rolle des charismatischen Musikers Giora Feidman distanziert, der Klezmer eher als Seelenhaltung denn als historisch greifbaren Stil definiert. Trotzdem ist ihm und seinen Schülern eine komplette CD gewidmet. So finden hier Einsteiger wie Fachleute reiches Material und eine Fülle von Informationen. Eine Pioniertat, die man nicht genug rühmen kann. Und eine Klangwelt, in der man schlicht klezmerisiert versinkt.

Die Sammlung

Vier Boxen mit jeweils drei CDs zeichnen die Geschichte der jiddischen Musik in Deutschland nach – eine Kooperation zwischen der auf Neu-Editionen vergriffener Platten spezialisierten Plattenfirma Bear Family Records und der Büchergilde Gutenberg. Sol sajn – jiddische Musik Vol. 1 4.

Infos zur jiddischen Szene:

http://www.other-music.de

Quelle: wa.de

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