Kleists „Amphitryon“ bei den Ruhrfestspielen in Marl

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Voller Kontaktängste: Szene aus „Amphitryon“ mit Hans Löw und Anja Schneider. ▪

Von Edda Breski ▪ MARL–„Amphitryon?“ fragt Alkmene den, der da vor ihr sitzt, den sie zuvor umschlichen hat. Der schüttelt den Kopf, und Alkmene fährt zurück: „Oh Gott.“ Da nickt der vor ihr, streckt den Arm aus und trägt sie davon. Das Spiel der Identitäten, das Heinrich von Kleist nach Molière neu bearbeitet hat, hat Jan Bosse vor drei Jahren für das Berliner Maxim Gorki Theater in Szene gesetzt. Die Inszenierung ist derzeit bei den Ruhrfestspielen im Theater Marl zu sehen.

Den Mythos um die Eltern des Halbgottes Herakles, das Verwirrspiel um Götter auf erotischer Exkursion und Menschen auf der Suche nach Orientierung zeigt Bosse in einer anrührenden Mischung aus Leichtigkeit und Drama. Er hat Respekt vor dem Text und nimmt sich zugleich die Freiheit für Scherze und derbe Witze. Hinter den Scherzen, dem koboldhaften Umeinandertänzeln des Beginns verbergen sich eine sensible Beobachtung menschlicher Kontaktängste und ein Vexierspiel erotischer Anziehung und Vertauschung.

Bosse entwickelt aus der Lustspielatmosphäre eine Tragödie vom menschlichen Wünschen. Amphitryon (Hans Löw) ist kein Feldherr, sondern ein Bürokratentyp: ein bisschen pedantisch, etwas verklemmt, ein Narzisst auf der Suche nach Bestätigung in den Armen der Frau. Als er erkennt, dass ein anderer bei seiner Gattin war, fällt ihm die Weltgewissheit stückweise aus dem Gesicht. Löw gibt auch als Gott in Menschengestalt den unsicheren Typen, der geliebt werden will. „Der Olymp ist so öde ohne Liebe“, sagt er zur Alkmene. Die Musik (Arno P. Jiri Kraehahn) ist wunderbar ausgesucht, suggestiv und ein klein wenig ironisch: Sphärenakkorde und absteigende Streicher dröhnen wie von ferne, wenn der Gott durch Theben geistert.

Bosse öffnet das Stück: Die Figuren geben einander den Einsatz und verkünden Abgänge, sie wenden sich ans Publikum: „Ach, Kleist“, klagt Amphitryon, als er so langsam den Überblick verliert. Gott Merkur zwickt den gehörnten Ehemann, den hölzernen Amphitryon, in den Schritt.

Stéphane Laimé hat einen Guckkasten entworfen, in dem aus Lichterketten ein Raum umspannt wird – das Liebesnest der Frau und des Gottes in Menschengestalt. Dieser „Palast“ wird abgetrennt durch eine weiße Wand, vor der die Menschen zurückbleiben. Sie verstecken sich und springen unter die Bühne, Charis (Hilke Altefrohne als bodenständige, selbstbewusste Frau des Sosias) sucht sich einen aus und drückt ihm einen Kuss auf – um Sosias eifersüchtig zu machen.

Anja Schneider spielt eine Frau, der es ganz gut gefällt, überrumpelt worden zu sein. Sie würde keine Fragen stellen – wenn die Männer ihr sie nur nicht abverlangten mit ihrem Drang nach Bestätigung: „Lass ewig in dem Irrtum mich.“ Am Ende verlässt sie den Spiel-Raum, ihr völlig verdatterter Mann folgt. Übrig bleibt der enttarnte Gott (Michael Klammer), der herrisch-verzweifelt nach Anbetung verlangt und, ebenfalls geschlagen, davonkrabbeln muss. Der berühmte Schlussseufzer Alkmenes – gestrichen. Beim Schlussakkord ist Bosse weniger bei Kleist als bei sich, mit der Trennung von Gottfigur und Menschenfigur nimmt er seinem Stück den tiefsten Konflikt.

15. Juli; Tel. 02361/ 92 180; http://www.ruhrfestspiele.de

Quelle: wa.de

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