Buchprüfung: „Kleine Fluchten“ von Carole Fives

Carole Fives: Kleine Fluchten. Roman. Deutsch von Anne Braun. Zsolnay Verlag.
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Carole Fives: Kleine Fluchten. Roman. Deutsch von Anne Braun. Zsolnay Verlag.

Ihr Junge ist bockig und anstrengend. Eine Prüfung für die Mutter, die allein in einer zu teuren Wohnung sitzt. Der Vater ist abgehauen, sein Bademantel und die Flipflops sind geblieben.

Und die Hoffnung, vielleicht kommt er zurück – für den Jungen wäre es wichtig. Die französische Autorin Carole Fives schreibt über eine Alleinerziehende. Es ist ein Frauenschicksal. Die Grafikerin wird von Verlagen schlecht bezahlt, sie kämpft, hat aber kaum Hilfe von Familie und Freunden. Dazu der fordernde Junge („Endlich schlief das Kind“). Sie entwickelt ein Schuldgefühl, nicht zu genügen. Und Carole Fives fühlt sich in das Dilemma der Heldin ein („Ihre kleine alltägliche Hölle.“)

Zu lesen sind Selbstgespräche einer verletzten Seele mit einer Sehnsucht nach Selbstbestimmung, die anrührt. Der Stress, die mitleidslosen Zeitgenossen, die Wohnungssuche – es ist eine Abwärtsspirale, die Carole Fives in Gang setzt. Mit dunklen Momenten, wenn sie „unter der Weste des Vaters“ an den Erstickungstod ihres Kindes denkt. Mit abstrusen Erfahrungen in Internetforen („Alleinerziehende Mutter + Abhauen“), wenn sie Einträge von Supermuttis liest. Solidarität? Fehlanzeige. Nachts haut die junge Mutter ab, nur kurz vor die Tür, um im Kneipenviertel an dem Frohsinn anderer teilzuhaben. Sie trifft einen Graffiti-Künstler.

Fives, Jahrgang 1971, wurde in Frankreich mehrfach ausgezeichnet. Ihr Roman „Kleine Fluchten“ ist ergreifend gegenwärtig und beschreibt eine Enge und Isolation, wie sie wohl viele Menschen in der Corona-Pandemie erleben.

Carole Fives: Kleine Fluchten. Roman. Deutsch von Anne Braun. Zsolnay Verlag, Wien. 139 S., 19 Euro. 

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