Klavierfestival: Gerhard Oppitz spielt in Hamm

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Gerhard Oppitz spielt im Gustav-Lübcke-Museum in Hamm ein Konzert des Klavierfestival Ruhr.

HAMM Seit 2017 erst istHamm nach längerer Pause wieder ein Spielort im Klavierfestival Ruhr, das insgesamt seine Aktivitäten Richtung Rhein verlagert hat. Allein für das Konzert von Gerhard Oppitz im Gustav-Lübcke-Museum aber lohnte sich eine Fahrt ins östliche Ruhrgebiet ganz sicher. Oppitz konzentrierte sich auf das Frankreich-Motto des diesjährigen Festivals und schlug einen Bogen von Bizets „Variations chromatiques“ bis zur Förmlichkeit und grellen Farbigkeit von Ravels „Alborada del gracioso“.

Die „Variations chromatiques“ spielt Oppitz markant, eine kantige Musik der Auflehnung. Härte und Geradlinigkeit prägen die ersten Variationen. Selbst die grazileren Themen in den späteren klingen geradeheraus, auf ihr Ende hin orientiert. Versucht sich eine Melodie aufzuschwingen, endet sie in einem grellfarbigen Höhepunkt. Hier gibt es kein Verweilen und kein Entkommen.

Folgen lässt Oppitz die Thèmes et variations in cis-moll von Gabriel Fauré, wärmer, mitfühlender, aber ebenfalls unerbittlich in ihrer Geradlinigkeit. Jede Lebhaftigkeit bekommt etwas Trügerisches. Die Schlussakkorde hallen stark nach, als sollte der Klang in der Rückschau nachgeformt und noch einmal gut ins Gedächtnis gerufen werden, bevor er verschwunden ist. Geradezu unverblümt spielt Oppitz die Variationen, gelangt durch den Hagelsturm der 10. in die 11. und letzte, in der er das Thema ausformt wie eine Kette einzeln fotografierter Tropfen.

Auch „Prélude, Choral et Fugue“ von César Franck ist eine Studie der Bewegung. Das „Prélude“ strebt in Sprüngen und Brüchen vorwärts, ebenfalls mit der eigentümlich klaren, fast brüsken Ausrichtung, mit der Oppitz der Musik Eindringlichkeit gibt. Die „Fugue“ spielt Oppitz als Versuch, zu enteilen oder stehen zu bleiben, das formelle Korsett zu sprengen. Die erste Konzerthälfte zeichnet Schattierungen von Trauer, Auflehnung und Resignation nach, ohne anderweltlich zu werden: Oppitz’ kantiger Stil fasst die Musik von ihrem Ende her.

Nach der Pause wird das Programm farbiger und eingängiger mit drei von Debussys „Images“. Zunächst „Cloches à travers les feuilles“, dessen Figuren eine Sogwirkung entwickeln, aber gedämpft, als seien sie nie ganz präsent. Oppitz, der bislang klare Kante gespielt hat, wechselt raffiniert Effekte von Nähe und Weite, Anwesenheit und Körperlosigkeit. „Et la lune…“ klingt intim, ohne bildhaft zu werden. Die „Poissons d’or“, die Goldfische, sind ein Hexenkessel von Bewegung und funkelnden Motivfetzen.

Den Abschluss machen zwei Werke von Ravel: die „Pavane pour une infante défunte“ klar und direkt, ein gerader, fast förmlicher Gesang ohne jede Verträumtheit, mit Brüchen, die an Trauer und Ende gemahnen.

Danach ohne Pause die „Alborada del gracioso“, deren skurril-galanter Beginn eigentümlich formell wirkt, bis sich die Lustigkeit in genau vorgegebenen Kanälen Bahn bricht: ein Ritual.

Edda Breski

Quelle: wa.de

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