Regisseur im Westen

Klaus Weise schreibt über Kindheit in Ost und West

Klaus Weise, Regisseur und Schriftsteller
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Klaus Weise, Regisseur und Schriftsteller

Der Ex-Intendant der Theater in Oberhausen und Bonn, Klaus Weise, legt einen Schelmenroman über die 50/60er Jahre im Ruhrgebiet vor.

Wie war das noch in der Kindheit? Als die Schaukel in Bewegung kam, einen langsam vom Boden forttrug und die Beine in den Himmel ragten. Ein erster Höhenflug und ein früher Rausch – herrlich. Solche intensiven Momente erweckt Klaus Weise in seinem Roman „Sommerleithe“. Es sind sinnliche Erfahrungen, an die man anknüpfen kann. Und es ist die „Wortbegehung einer Kindheit“, wie Weise das nennt. Damals zählten noch Begriffe wie Plumeau, Lullumann und Hautevolee zum Wortschatz.

Klaus Weise ist 1951 in Gera geboren. 1958 setzte sich seine Familie in den Westen ab. Als Regisseur hat der Absolvent der Hochschule für Fernsehen und Film in München 1986 am Schauspielhaus Düsseldorf gearbeitet, 1991 leitete er das Theater Oberhausen und von 2003 bis 2013 war er Generalintendant des Theaters und der Oper in Bonn. Der Westen ist auch seine künstlerische Heimat geworden.

Weises Vater arbeitete in Aachen, Frankfurt und Wuppertal, bevor er in Mülheim an der Ruhr eine große Fleischerei übernehmen konnte. Anfang der 60er Jahre war der Metzgermeister wieder wer. Sein Erfolg flößte dem kritischen Sohn auch Respekt ein. Im Schatten des ehrgeizigen Mannes, der im Afrikacorps gedient hatte, reibt sich der Autor an den Zeitläuften in Ost und West.

Weise startet keine politische Debatte, er erzählt nicht stringent, aber er taucht in seine Erlebnisse ein, genauso wie er humorig kommentiert oder provokant hinterfragt. Mit diesem Kunstgriff ist er einerseits Teil der Geschichte und andererseits als Erzähler auf Distanz. Weise legt einen Schelmenroman vor, oder wie er sagt: „Erlebtes verwandelt sich in Traumgeschehnisse.“ So ist die Wäscherei seiner Mutter sein drittes Königreich. Und werden die Walzen der Mangel zu gefräßigen Tieren, taucht er als Retter auf und hilft seiner Mutter, die er liebte. Ein Superheld.

Die ersten Königreiche lagen in Gera: das Elternhaus in der Sommerleithe, eine Straße, und die Metzgerei. Hier war der Sohnemann noch behütet. Aber sein Vater Hans Herbert wollte kein Kommunist werden. Er hatte Angst, seine Selbstständigkeit zu verlieren. Nach der Flucht leiden sein Sohn Klaus, seine Frau Lotte und Tochter Renate. Und in einem Frankfurter „Nachkriegsmetzgereihinterhofmüllhaldengarten“ fühlte sich der Junge einsam und verloren. Ein Trauma.

Der Roman nimmt einen mit auf diese zeitgeschichtlichen Abenteuer. Und in den Schlachthof. Wie akribisch die Tötung eines Schweins beschrieben wird, ist ein blutiges Drama für sich. Für den damals 14-Jährigen war es eine Probe, die er als Metzgerssohn bestehen musste. „Blut lässt sich abwaschen. Sein Geruch nicht. Er bleibt, wie die Tat.“ Danach gab es Dornkaat und Wurstbrote. Der Roman ist nichts für Veganer.

Der Junge bestand die Prüfung, aber er hasste seinen Vater für noch ganz andere Auffassungen aus der Kriegszeit. „Sommerleithe“ legt auch Zeugnis ab für einen zivilisatorischen Umbruch in Deutschland. Wie der „Waschlappen von Kriegsdienstverweigerer“ die Soldaten-Generation in seiner Familie ihres Selbstmitleids überführt und ihnen den Holocaust, die NS-Diktatur und Kriegszerstörungen vorhält, das bricht sich in einem großartigen Monolog Bahn.

In den 54 Kapiteln wechselt der Theatermann den Duktus seiner kraftvollen und saftigen Sprache auch in bühnenreife Dialoge. Als sich Hans Herbert und Lotte zum ersten Mal begegnen – vor einem Blumenladen –, ist zu lesen, was Liebe auf den ersten Blick bedeutet. Weise überzeugt als Erzähler, der sich sarkastisch über seinen Vater erhebt. Herbert hatte vor seiner Hochzeit ein uneheliches Kind gezeugt. Die Geschwängerte wurde mit Geld abgefunden. „Kann man ein uneheliches Kind vergessen, auch wenn man es vor anderen verschweigen kann?“ Weise spießt die Doppelmoral seiner Zeit auf. Manchmal erinnert sein innerer Monolog an Oskar Matzerath aus Günter Grass’ Roman „Die Blechtrommel“.

Daneben finden sich Freitagswaschung in der Zinkwanne, Frau Pavel mit ihrem weißen Bikini, Kneipen-Busen-Storys und ein Citroën Déesse, die fahrbare Göttin. Weise unterhält mit der Zeitgeistanalyse eines Jungen, der hellwach ist und berechnend naiv. Es werden aber keine Klischees aus dem Ruhrpott kolportiert. Weise hat eine eigene Geschichte, und er zeigt, nicht alles lässt sich einordnen. Wie war das mit der sexuellen Nötigung durch Tante Karla, warum musste ihm Opa Paul das Schlachten von Karnickeln beibringen, und was machten Frau und Herr Nolans mit ihm, nachdem sie ihn mit Äther betäubt hatten. Er weiß es nicht.

Letztlich ist „Sommerleithe“ eine wechselvolle Auseinandersetzung mit den frühen Jahren. Das dramatische Potential seiner Erinnerungen konzentriert Klaus Weise in einer Szene. Er versetzt sich in seinen Bruder Dieter und stellt eine Situation nach, die ihm selbst in der Metzgerei passiert ist. Damals packte ihn ein Metzgergeselle und hob ihn hoch zu Schinken und Speckseiten an einen Räucherspieß im Kühlhaus – mit Wissen des Vaters. Das Kind erlitt Todesängste. Niemand war da. Immer wieder setzt Weise bei dieser Szene an, um die damalige Not fühlbar zu machen. Hintergrund ist der tatsächliche Tod seines Bruders in Gera. Im Roman kommt es zu einer Seelenverbindung, als der eine Bruder am Sarg des anderen steht und ihn in seine Gedanken einschließt, mit in den Westen nimmt. Der Ich-Erzähler ist in der Fiktion nun beide. Weise dokumentiert die Tragödie seiner Kindheit aber nicht. Dem Roman hat er ein Zitat von Vladimir Nabokov vorangestellt: „Eine Geschichte als wahr zu bezeichnen, ist eine Beleidigung für Kunst und Wahrheit zugleich.“

Klaus Weise: Sommerleithe. Roman. Elsinor Verlag, Coesfeld. 308 S., 24 Euro

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