Klaus Gehre inszeniert in Dortmund „Minority Report“ als rasanten Live-Film

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Check vor dem Einsatz: Björn Gabriel und Ekkehard Freye in „Minority Report“ am Schauspiel Dortmund.

Von Ralf Stiftel DORTMUND - So einfach geht Zeitreise: Vier Schauspieler stehen hinter mannshohen Schaumstoffzahlen. 2014. Die 1 und die 4 tauschen die Plätze. Und wir befinden uns im Jahr 2041, der Epoche von „Precrime“, der Einrichtung, die Morde schon vor der Tat verhindert.

Möglich machen das Hellseher, die in Protonenmilch schwimmen, sogenannte „PreCogs“. Wem das jetzt bekannt vorkommt: Richtig. Am Theater Dortmund hat Klaus Gehre den Kinohit „Minority Report“ (2002) von Steven Spielberg für das Studio eingerichtet.

Die vier Darsteller übernehmen nicht nur die Rollen aller Hollywoodstars von Tom Cruise über Colin Farrell bis zu Max von Sydow. Sie realisieren – technisch unterstützt von Mario Simon – auch die vielen Special Effects. Teures Blockbuster-Kino wird heruntergebrochen auf das Format der Kleinbühne. In Dortmund sind sie ohnehin film-affin, Intendant Kay Voges formulierte das „Dogma 2013“ für Inszenierungen mit Videoeinsatz. Hier also ein Live-Film, bei dem alles auf offener Szene geschieht. Und die Fallhöhe zwischen Blockbuster-Perfektion und der lustvollen Improvisation mit Webcams, Barbiepuppen, Spielzeugauto und Topfblumen sorgt bei dem Abend für einen Mordsspaß. Check? Check!

Erst verhindert Agent John Anderton (Björn Gabriel) mit seinem treuen Mitarbeiter Jad Fletscher (Ekkehard Freye) einen Mord. Beide fuchteln in der Luft – tastenlose Rechnersteuerung, 2002 noch Utopie, heute längst Wirklichkeit. Den Seitensprung und den folgenden Mordversuch spielen sie mit Puppen nach, die in Nahsicht auf die Leinwände projiziert werden. Dann aber fällt ein „Brown Ball“, Code für einen geplanten Mord, eine Dummheit, weil die PreCogs so etwas besonders früh erkennen. Und der Täter soll ausgerechnet der Ermittler John Anderton sein. Der flieht in seinem Spezialauto, unterzieht sich einer Augentransplantation, die liebevoll unter Einsatz von Halloween-Süßigkeiten (samt Probierbiss) simuliert wird, hat Ärger mit seinem Ex-Kollegen und Nun-Jäger Jad, unterhält sich mit seinem einstigen Mentor Lamar Burgess und kommt einem Komplott auf die Spur.

Das ist rasant gespielt. Julia Schubert spielt herrlich vergeistigt die PreCog Agatha und lispelt als Genforscherin Hineman schön hutzelhexig. Merle Wasmuth gibt die coole Regierungsbeauftragte Witwer und moderiert eine kleine Schicksalsumfrage. Und bei aller Gaudi verliert der Abend die eigentliche Problematik nicht aus dem Blick, erzählt auch von Kontrolle und Freiheit und der Perversion der Macht. Erstaunlich werktreu und nur manchmal mit augenzwinkernden Verfremdungen wie der Liebeserklärung Toms an seinen Kollegen.

21.9., 18., 23.10.,

Tel. 0231/ 50 27 222,

www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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