Klarinettistin Sabine Meyer in der Philharmonie Essen

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Überzeugt in Essen: Klarinettistin Sabine Meyer ▪

Von Edda Breski ▪ ESSEN–Die Leute werden weinen, schrieb Aaron Copland über den ersten Satz seines Klarinettenkonzertes und meinte die anrührende Empfindsamkeit der Melodik, die einem fröhlichen Genrespiel Platz macht.

Sabine Meyer spielt das in der Philharmonie Essen liebevoll, beinahe zurückgenommen, um in der Kadenz und mehr noch im zweiten Satz, „Rather fast“, mit ihrem Part und dem Orchester zu spielen: Swingen mit den Celli, Haschen mit den Geigen. Die Ausnahmeklarinettistin ist mit dem Swedish Chamber Orchestra auf Tournee; die Stabführung hat der britische Alte-Musik-Spezialist Andrew Manze. Ihr Auftritt in Essen macht reine Freude, schon deshalb, weil man nicht oft ein Tourneeprogramm so feurig und frisch ausgeführt erlebt. Dafür ist nicht nur die gewohnt souveräne Sabine Meyer verantwortlich, sondern insbesondere das unerhört lebendig aufspielende Orchester und sein bestens disponierter Dirigent.

Der Abend verbindet eingängige, kleine Stücke wie das Klarinetten-Concertino von Carl Maria von Weber mit Mozarts Figaro-Ouvertüre und Beethovens vierte Sinfonie; mit dem Copland-Konzert und Charles Ives‘ „Unanswered Question“ werden Fühler in Richtung Moderne gereckt. Das Weber-Concertino beginnt mit Sturm und Drang, der sich zu tiefer Empfindsamkeit beruhigt. Meyer setzt ihre wie selbstverständlich erblühenden Töne, ihre variantenreiche Phrasierung und stupende Virtuosität zurückhaltend ein. Die Empfindsamkeit kontrastiert sie in den Variationen mit knapper Phrasierung und deutlicher Zuspitzung, wie um Sentimentalität zu vermeiden. Ihr Rapport mit dem Orchester ist eng und selbstverständlich.

Das Copland-Konzert umfasst eine Palette von lyrisch über schelmisch bis übermütig. Meyers Kadenz schwebt zwischen den Genres, mit brillanten, akzentuierten Läufen und seidenweichem Glissando zum Schluss. Verschmitzt lugt der Swing um die Ecke.

Für das Konzertstück für Klarinette und Bassetthorn von Felix Mendelssohn-Bartholdy hat Meyer ihre Schülerin Annelien van Wauwe mitgebracht. Die 25-jährige Belgierin hat sich viel von ihr abgeschaut, beide geben ein gleichberechtigtes, strahlend aufspielendes Duo ab und demonstrieren beiläufig, welch rasante Tempi sie beherrschen.

Das Swedish Chamber Orchestra – 24 Streicher und die Bläser in Doppelbesetzung – vereint eine entschieden eigene Klangfarbe mit feinnerviger Behandlung des musikalischen Textes und energischer Präsenz. Der – vibratolose – Violinpart in der „Unanswered Question“ ist raumgreifend, fast unirdisch. Ihr Beethoven ist explosiv, revolutionär-romantisch und gespickt mit traumhaften Details wie dem Dreifachpulsieren im Adagio, das schwebt und in der Wiederholung nobel erstrahlt. Oder dem Aufleuchten der Hörner am Ende des dritten Satzes. Die Innenspannung der Sätze, die Gewichtung der Themen und die Akzentuierung bestechen.

Manze feuert sein Ensemble an, und das hat Spaß, sogar der Pauker gibt einem Wirbel einen verspielten Akzept. Niemals aber verlassen die Schweden die absolute Sphäre der Musik. Wenn sie theatralisch werden – wie momentweise in der straff ausgeführten Figaro-Ouvertüre – dann mit den Mitteln, die der Notentext vorgibt.

Quelle: wa.de

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