64. Frankfurter Buchmesse: Zehn Bücher, die uns auffielen

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Wirkliche Leser finden immer ein Buch – Impression von der Messe. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ FRANKFURT–Auf der 64. Frankfurter Buchmesse habe ich Arnold Schwarzenegger nicht gesehen, obwohl er meinen Weg kreuzte. Aber ein Pulk von Fotografen, ein Schwarm von Bodyguards ließ keinen Blick zu.

Sehr wohl gesehen habe ich Donna Leon, die einfach so am Verlagsstand saß. Wo man auch hinkommt, Sascha Lobo, der Blogger mit der roten Irokesenfrisur, ist immer schon da. Es gibt buchfreie Zonen auf der Messe, wo Nippes, Plüschtiere und Geschenkartikel angeboten werden. Die Geschäfte gehen nicht so gut, vielleicht peppen Geschenkartikel und Nippes den Umsatz etwas auf. Und es gibt noch Bücher, rund 400 000, und Leser. Hier sind wieder zehn lohnende Titel. Ihr Buchhändler hat sie vielleicht nicht vorrätig. Aber wenn er sein Geschäft versteht, besorgt er sie Ihnen.

1. Was „Faulheit“ ist, glauben wir zu wissen. Manfred Koch schreibt ein Buch darüber, mit dem Untertitel „Eine schwierige Disziplin“. Der Philosoph, der an der Uni Basel lehrt, macht erstaunliche Funde im Christentum und beim Sozialismus. Wer die Bibel genau liest, findet, dass schon Adam im Paradies arbeiten musste. Christus hat die Muße gelobt. Erst Paulus befand: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“. Koch unterrichtet uns über die älteste Version des Schlaraffenlandes, eine altgriechische Komödie, über den nicht wirklich attraktiven Lebensstil des Asketen Diogenes, über die Forderung nach einem „Recht auf Faulheit“, aufgestellt von Marx' Schwiegersohn Paul Lafargue und über den fragwürdigen Wert der Faulheit im Zeitalter von Hartz IV. Vor allem stellt er klar: „Der Reiz der Faulheit ist die Erholung von der Arbeit.“

2. Die feine Buchreihe „Europa erlesen“ krönt der Wieser Verlag mit einem Buchblock über die Donau. Schon im ersten Text provoziert Pavao Pavlicic: „Die Donau ist ein sauberer Fluss. Der Ertrunkene dümpelt nicht lange darauf...“ Herausgeber Christian Fridrich nimmt den Leser auf eine literarische Reise von den Quellen bei Donaueschingen bis ans Delta in der Ukraine, mit Texten von hunderten von Autoren vom Nibelungenlied über Goethe, Ingeborg Bachmann, Peter Esterhazy, Peter Handke. Daneben bringt er auch Profanes, ein barockes Gedicht über eine Schlacht gegen die Türken in Slawonien, die Donau-Strom-Polizei-Vorschrift und Zeitungsartikel und das Flugblatt einer Bürgerinitiative gegen das Wasserkraftwerk Hainburg. Das Ungleichzeitige, räumlich sortiert, unkommentiert, führt den Leser unwiderstehlich in die Region um Europas zweitlängsten Fluss ein.

3. Dann ist da der binooki-Verlag, den die Schwestern Inci Bürhaniye und Selma Wels gegründet haben, in Deutschland geborene Kinder echter türkischer Eltern. Sie wollten moderne türkische Literatur in deutscher Sprache lesen – die sie nun verlegen, mit einem Erfolg, der sie selbst überrascht. Sie drucken junge Autoren, Krimis, moderne Klassiker wie Metin Eloglu (1927–1985). Dessen Texte sind, was der Titel ankündigt: „Fast eine Geschichte“. Sie handeln von schlichten Gemütern, Underdogs, Verlierern, die immer in den Raki-Kneipen landen. Der „tumbe Hasan“ hofft auf das Glück mit einem Mädchen, das sein Stiefvater ihm ausgesucht hat. Dann brennt der Stiefvater mit ihr durch. Ein Spieler würfelt um seine Frau. Zwei freunden sich über dem Raki an – und landen in einem Istanbuler Gefängnis. Raue Geschichten, unterlegt mit bösem Witz und Melancholie.

4. Franz Hessel (1880–1941) ist einer der Dichter, die der deutschen Literatur durch die NS-Barbarei abhanden kamen. Er starb im Exilort Sanary-sur-Mer, auf der Flucht. „Der Kramladen des Glücks“ ist sein Erstlingswerk, 1913 erschienen, nun in einer liebevoll gestalteten Neuedition wieder zugänglich mit einem einfühlsamen Nachwort von Manfred Flügge. Am Anfang stehen kleine Glücks- und Schreckmomente des Knaben Gustav Behrendt, in dem Hessel sich selbst porträtierte, allerdings mit entscheidenden Verfremdungen, so erfindet er den Tod der Mutter. Antisemitische Vorfälle in der Schule, Freundschaften, erste Lieben, davon erzählt Hessel, ganz federleicht, aber grundiert mit Melancholie.

5. Eine Liebhaberei ist Stephan Wuthes Buch „Swingtime in Deutschland“. Hier schreibt ein Fan, in jeder Hinsicht. Der Autor, Jahrgang 1966, sammelt seit seiner Jugend Schellack-Schätzchen, arbeitet als DJ und berät Swingbands. Sein Buch erzählt, liebevoll bebildert mit Zeitungsausschnitten und alten Fotos, vom tanzbaren Jazz im Deutschland der 1930er und 1940er Jahre, als die „Negermusik“ offiziell verboten, aber von vielen Jugendlichen heiß geliebt war. Es wurde also geswingt, und nicht zu knapp, und noch im Februar 1939 schwärmte der englische Bandleader Henry Hall von der Szene in Berlin. Das verrät einiges von den Ungleichzeitigkeiten in der Diktatur. Man aß im Automatenrestaurant Quick, und die jüdische Sängerin Margot Friedländer tarnte sich erfolgreich als spanische Nichte des Kapellmeisters.

6. Deutsche Geschichte beleuchtet Frank Salewski aus ungewöhnlichem Blickwinkel im Briefroman „Heimgekehrt“, dessen Untertitel „Wäre er doch gefallen“ leider zuviel vorwegnimmt. Es ist eine Ehegeschichte aus Deutschland im Nationalsozialismus in Briefen und Tagebuchnotizen der Frau, dem Vorwort zufolge der Großmutter des Autors. Eva ist erst gerührt, als Erich Kummer schüchtern um sie wirbt. Aber 1933 tritt er in die Partei ein, wird zum fanatischen Hitlerverehrer, zerstört ihre Freundschaft mit Lilli – bis er als Freiwilliger an die Ostfront geht. Gerade weil das Buch sich auf seine Hauptfigur einlässt, Krieg und NS-Verbrechen nur insoweit behandelt, als sie Eva betreffen, gewinnt es Dichte und Intensität.

7. Peter Rühmkorf (1929– 2008) war ein belesener Dichter, der sich gern und deutlich über Kollegen äußerte. Dabei ließ er sich von großen Namen nicht einschüchtern. An Thomas Mann bemängelt er eine „Großbürgerlichkeit, deren Sorgen nie die meinen waren, deren Perspektiven oder Retrospektiven mir schnurz sind, deren Ausdrucksweise mir beinahe physisch zuwider ist.“ Und nachdem Martin Walser in der Paulskirche von Auschwitz als „Moralkeule“ gesprochen hatte, giftet Rühmkorf gereimt über den „Onkel Walser, Preisbörsianer, Allumhalser“. Derbe Polemik, aber auch einfühlsame Bekundungen von Liebe und Bewunderung findet man im Band „In meinen Kopf passen viele Widersprüche. Über Kollegen“, der Tagebuchauszüge, Zeitungsartikel und Reden über Autoren in alphabetischer Reihenfolge präsentiert.

8. Eine Witwe in der Mitte der 50er beschließt, einige Zimmer ihres nun viel zu großen Hauses an Studenten zu vermieten. Die sind arm, wie es Studenten öfter sind, und gelten die Miete in Naturalien ab: Mrs. Donaldson darf ihnen beim Liebesspiel zusehen. Und damit fängt die erste von zwei unziemlichen Geschichten in Alan BennettsBuch „Schweinkram“ erst an, in der es um Trauer und Lebenslust geht, die herrliche Szenen an der Universität enthält, wo Mrs. Donaldson die Patientin für angehende Ärzte mimt, und die so frech endet, wie sie begann, und doch auch eine Moral bereithält.

9. Heinrich Hannover gehört zu den prominentesten Strafverteidigern der bundesrepublikanischen Geschichte, spätestens, seitdem er 1973 die RAF-Terroristin Ulrike Meinhof vertrat. Aber schon viele Jahre vorher trat der 1925 geborene Jurist in vielen politischen Prozessen auf. In dem Buch „Die Republik vor Gericht“ hat er eine Mischung aus Autobiografie und Rückschau auf wichtige Fälle vorgelegt. Das Buch war seit vielen Jahren vergriffen. Nun erscheint es neu, und die Rückschau zeigt, dass die Grundrechte nach 1945 alles andere als selbstverständlich waren. Jahrzehntelang zählte die Ehre eines Generals unter Hitler mehr als die Meinungsfreiheit eines kritischen Bürgers. Das liest sich aufregend, zumal Hannover auch erzählt, wie er Daniel Cohn-Bendit und Günter Wallraff vertrat. Und der Fall des Komponisten Isang Yun, der 1967 von südkoreanischen Geheimdienstlern aus der Bundesrepublik gekidnappt wurde, schlägt jeden erfundenen Agententhriller.

10. Sie lesen eigentlich keine Gedichte. Schon gar keine „schwierigen“? Jeffrey Yang schreibt in „Ein Aquarium“ ein lyrisches Alphabet über Meeresbewohner, Überraschungen nicht ausgeschlossen. Er gönnte sich Zeilen wie „Google, ein Bewusstseinsmeer“ und spöttelt über Intelligent Design, den Gegenentwurf fundamentalistischer Christen zur Evolutionstheorie. Zum Aal fällt Yang ein: „Aale sind schleimige Kreaturen./ Aber keine Lügner. Verstell/ dich nicht – sie spüren's und beißen/ die den Finger ab. Achte genau/ auf Politiker und ihre Hände.“ Er findet viele Fischvergleiche über die USA, und wenn es um Atombombentests geht, gerät seine dichte, an Pound geschulte Poesie aus dem Rhythmus. Das ist nicht nur schön und lehrreich – wer weiß schon, dass Seepocken den größten Penis im Tierreich haben. Es ist auch formal ein Genuss, schon weil man das Original mit Beatrice Faßbenders Übersetzung vergleichen kann. Wer schafft es, den Worttaumel über Seetang auf deutsch nachzuformen: „Each being being being's link“.

Die besprochenen Bücher

1. Manfred Koch: Faulheit. Verlag Zu Klampen, Springe. 158 S., 19,80 Euro

2. Christian Fridrich (Hg.): Europa  erlesen – Donau. Wieser Verlag, Klagenfurt. 638 S., 25,90 Euro

3. Metin Eloglu: Fast eine Geschichte. Deutsch von Ute Birgi-Knellessen. Binooki-Verlag, Berlin. 150 S., 15,90 Euro

4. Franz Hessel: Der Kramladen des Glücks. Lilienfeld Verlag, Düsseldorf. 311 S., 21,90 Euro

5. Stephan Wuthe: Swingtime in Germany. Transit Verlag, Berlin. 152 S., zahlreiche Abbildungen, 16,80 Euro

6. Frank Salweski: Heimgekehrt. Killroy Media, Asperg, 136 S., 14 Euro

7. Peter Rühmkorf: In meinen Kopf passen viele Widersprüche. Über Kollegen. Wallstein Verlag, Göttingen. 364 S., 24,90 Euro

8. Alan Bennett: Schweinkram. Deutsch von Ingo Herzke. Wagenbach Verlag, Berlin. 141 S., 15,90 Euro

9. Heinrich Hannover: Die Republik vor Gericht. Prospero Verlag, Münster. Ca 550 S., 24 Euro

10. Jeffrey Yang: Ein Aquarium. Deutsch von Beatrice Faßbender. Berenberg Verlag, Berlin. 96 S., 19 Euro

Quelle: wa.de

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