Kiran Nagarkars Bollywood-Roman „Die Statisten“

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Kiran Nagarkar ▪

Von Ralf Stiftel ▪ Kiran Nagarkars Roman „Die Statisten“ kommt daher wie ein Bollywood-Film. Er ist vollgestopft mit Liebe und Sex, es gibt rasante Autoverfolgungsjagden durch Bombay, eine im Monsun fast ertrinkende Hochzeit im Dschungel, einen richtig üblen Gangster, Schicksalsschläge, Musik und Tanz. Und richtig, er handelt davon, wie zwei arme Jungs aus dem Central-Works-Department-Chawl Nr. 17 zu ganz großen Nummern im Bollywood-Kino werden.

Man kann Ravan Pawar und Eddie Coutinho schon kennen. Der indische Romancier hat ihre Kindheit und Pubertät schon in „Ravan & Eddie“ beschrieben, das im Original 1995 erschien. Und der tragikomische Anfang ist einfach eine Wiederholung, ein Selbstzitat, in dem beschrieben wird, wie Eddies verliebter Vater in jenem Mietshaus des sozialen Wohnungsbaus den kleinen Ram auffängt, den seine Mutter, Victors Angebetete, vom Balkon fallen ließ. Victor stirbt dabei, seine Witwe verflucht Ram als Mörder, und dessen Mutter benennt ihn um, so dass er nicht mehr nach der edlen Inkarnation Vishnus heißt sondern nach einem bösen Dämon. Ravan eben.

Dann kommt ein Zeitsprung. Die Helden sind herangewachsen und Tunichtgute vom selben Schlag, obwohl Ravan einer Hindu-Familie entstammt und Eddie Nachfahre portugiesischer Katholiken ist. Aber sie wohnen als Nachbarn in einer Mietskaserne, brechen beide die Schule ab und müssen sich ihren Lebensunterhalt verdienen. Ravan fährt Taxi. Eddie kellnert in einem „Auntie's“, einer illegalen Nachbarschaftskneipe. Und der Roman nimmt Fahrt auf. Beide lieben Musik, haben eigene Kapellen, Ravan die Cum September Jai Bharet Band, eine traditionelle Brass-Band, Eddie die Bandra Bombshells, eher an Rock ausgerichtet.

Mit liebevoller, gleichwohl von genauer Kenntnis geschärfter Ironie schildert Nagarkar, wie die beiden sich dem Filmbetrieb annähern. Das trägt Züge einer Legende, wie sie nach und nach die Talente erwerben, die sie für eine Karriere brauchen. Wie sie Instrumente und Kampfsport lernen. Wie sie auf die Schauspielschule kommen. Wie sie in die verbotene Straße Saat Rasta gehen, wo die Vermittlungsstelle der Statistengewerkschaft liegt, in der sie dann erst mal geflissentlich übersehen werden.

Das hat die Zielstrebigkeit eines Genrefilms, nicht zufällig. Nagarkar, 1942 in Bombay geboren, hat auch Drehbücher geschrieben. Das Kleine-Leute-Milieu, in das er seine Schelmengeschichte einbettet, das bildet soziale Realität ab, den Hinterhof von Bombay. Zumal er mehrere Essays in die Handlung einschiebt, in denen er erklärt, indische Brass Bands, Taxis in Bombay, die Prohibition und Untergrundkneipen. Nagarkar ist ein Meister der Übertreibung. Was müssen Sie tun, um Ihr Kind auf eine zentrale, englischsprachige Schule zu bringen? „Melden Sie Ihr Kind gleich nach der Geburt an, und zwar nicht seiner, sondern Ihrer eigenen; spenden Sie dem Schulrektor eine, vorzugsweise aber beide Nieren; trennen Sie sich von ein paar hunderttausend Scheinen...“ Einen Exkurs widmet Nagarkar Bollywood-Stars, die als Statisten oder gar, wie Badruddin Jamaluddin Kazi, als Busfahrer begannen.

Armut und Aufstiegsträume, korrupte Polizei und organisiertes Verbrechen, die Enge der Mietwohnungen, all das erleben Ravan und Eddie oft schmerzhaft am eigenen Leib. Sie werden verprügelt, landen im Gefängnis. Sie erleben, wie ihre muslimische Statistenkollegin, die die Familie ernährt, von ihrem Macho-Bruder misshandelt wird. Nagarkar schreibt übrigens bewusst von „Bombay“. Den heute oft benutzten Namen Mumbai sieht er als Kampfbegriff marathi-sprachiger Nationalisten an, die den kosmopolitischen Charakter der Stadt ablehnen.

Nagarkar schreibt witzig. Hinreißend die lyrische Wortflut, die er findet, als Eddie sich eine Geschlechtskrankheit einfängt, und der Arzt zeigt den kranken „Ding Dong“ den Studenten, „sein Geschützrohr, seinen ganzen Stolz und angeblichen Einstieg in Sapna-ji und ,Zuperstar'-Status in Hindi-Filmchen, sein Elend und Verderben, sein Lied und seine Litanei, seine längst überfällige Strafe, seine Friedenspfeife, seinen Aufstand und Fall, sein Inferno und seine Ekstase, seine Sonde und sein Sehrohr, seinen Luststab und Flaggenmast, seine Zimtstange“ und so weiter. Aber der Autor respektiert seine Helden, gibt ihnen glaubwürdige Gefühle.

Und wer könnte widerstehen, wenn ein Kapitel so beginnt: „Was, wenn der Betrunkene sich nicht über die hintere Sitzbank von Ravans Taxi übergeben und dann einen Schwenk gemacht und Fensterscheiben und Tür mit weiteren reichhaltigen Ergüssen besprüht hätte? Wäre Ravans Lebensweg anders verlaufen...“

Kiran Nagarkar: Die Statisten. Deutsch von Giovanni und Ditte Bandini. A1 Verlag, München. 639 S., 28 Euro

Quelle: wa.de

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