Im Kino: „Der ganz große Traum“ mit Daniel Brühl

Der Fußball in Deutschland hat an Bedeutung gewonnen. Vor oder nach den Übertragungen von WM- und EM-Begegnungen auf den großen Leinwänden lassen sich auch menschelnde Dramen im Kino verfolgen. Das Spiel bietet also Erzählstoff fürs breite Publikum. Sönke Wortmann drehte „Das Wunder von Bern“ (2003) als sentimentale Aufbau-Schmonzette und den Dokumentarfilm „Deutschland. Ein Sommermärchen“ (2006) als Jubelhymne an die Fußballnation. In diese identitätsstiftende Festfolge reiht sich „Der ganz große Traum“ ein, der mit einem weiteren Superlativ im Titel schwadroniert. Regisseur Sebastian Grobler feiert mit seiner treuherzigen Dramödie erste Ballberührungen im Kaiserreich. Von Achim Lettmann

Es geschah in Braunschweig 1874 – wer hätte das gedacht –, das ein Englischlehrer das Leder von der Insel auspackte, um seinen Gymnasiasten die fremde Sprache näher zu bringen. Daniel Brühl spielt Konrad Koch, der die „Fußlümmelei“ für die Erziehung zur Kameradschaft und zu Fairness einsetzte. Trotz Spielerfahrungen in England – für den Film erfunden –, bleibt Brühl in seiner Rolle aber hüftsteif und bieder.

Lehrer Koch stößt auf kaisertreue Gegenspieler, die das Deutschtum im Abseits wähnen und Fußball mit Unterrichtsverbot belegen. Justus von Dohnányi gibt einen intriganten und brutalen Aristokraten. Thomas Thieme den chauvinistischen Geschichtslehrer („kämpfen und bluten für Thron und Reich“). Sport wurde als Vorstufe zum Militärdienst verstanden und „Schulspiele“ mussten auf den Lehranstalten noch eingeführt werden.

Die Erzähltaktik ist bewährt. Die Schüler formieren sich langsam um ihren Lehrer. Missverständnisse werden abgebaut. Selbstbewusstsein gestärkt. Ob Arbeitersohn oder Firmenspross, es gibt gemeinsame Ziele: Fußball und Freiheit.

Die Drehbuchautoren Philipp Roth und Johanna Stuttmann müssen viel Erich Kästner gelesen haben, denn die Klassengegensätze werden im Passspiel bearbeitet. Leider haben sie „Elf Freunde“ von Sammy Drechsel verpasst, dann wären die Schüler konturenreicher charakterisiert worden. Da es im Kino nicht ohne Liebesknistern geht, wird eine Penäler-Sehnsucht eingebaut, die leider wie eingewechselt wirkt.

Regisseur Grobler setzt zu sehr auf ein Bildkonzept wie zu Opas Zeiten. Mal wird betulich historisiert, mal dramatisch überzogen. Am Ende geht es im Stadtpark gegen England. Grobler feiert eine Massenbewegung, die sich in Deutschland erst nach dem ersten Weltkrieg entwickelte. Ein paar historische Details im Film lassen dies erahnen.

Der Film

Biedere Geschichtstümelei um Fußball, voller Erzählklischees.

Regie: Sebastian Grobler

Darsteller: Daniel Brühl, Justus von Dohnányi, Thomas Thieme, Axel Prahl

Dauer: 110 Minuten

Wertung: ++ooo

Quelle: wa.de

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