„Kindheit im Ruhrgebiet“ im Ruhrmuseum Essen

Noch tragbar: Die Lederhose von Heribert Niehues (1957) ist im Ruhrmuseum ausgestellt. Foto: Stiftel

Essen – Die Lederhose hat Heribert Niehues fast zehn Jahre lang getragen. Erst als er mit 14 in die Lehre kam, 1966, war die Zeit des praktischen Kleidungsstücks abgelaufen. Wer in den 1960er Jahren ein Junge war, der erinnert sich an das etwas steife, aber vom Tragen geschmeidig gemachte Leder.

Jetzt ist die Lederhose museumsreif. Das Ruhrmuseum zeigt das Stück in der Ausstellung „Kindheit im Ruhrgebiet“. Da liegt sie nun in einer Vitrine, ergänzt mit einem Text, der die Erinnerungen des einstigen Besitzers daran vorstellt. Die Schau lebt von der Beteiligung der Menschen des Ruhrgebiets. Das Museum hatte dazu aufgerufen, ihm Erinnerungstücke zur Verfügung zu stellen. Sie stehen im Zentrum, 66 Objekte aus der Zeit von 1945 bis 1989, von Klemmschlittschuhen bis zu Hörspiel-Kassetten mit Kinderkrimis von den „drei ?“. Ergänzt werden die sie mit 120 Fotos aus dem Archiv des Museums.

Und auf den Fotos findet man auch die allgegenwärtige Lederhose wieder. Auf dem Bild von Willy van Heekern trägt sie 1953 der Knirps am Gartenzaun, ebenso der Bursche, den Hans-Dieter Baroth 1968 an der Brachfläche in Duisburg aufnahm, und auch der Indianerhäuptling, der in den 1960ern in der Essener Siedlung für Wolf Schön posierte. Und was kleidet den Lausejungen in der Kinderbande, die 1965 im Abwasserkanal der Zeche Sterkrade in Oberhausen spielt? Rudolf Holtappel hielt es fest.

Die Schau ist aber nicht nur ein Tummelfeld nostalgischer Erinnerungen. Sie fixiert, gerade durch ihre Konzentration auf persönliche Objekte, auch ein Stück Sozialgeschichte der Bundesrepublik. Man bekommt hier sehr schön den Umschlag vermittel von der Not der unmittelbaren Nachkriegszeit bis in die Wohlstandsgesellschaft.

In den 1940er und frühen 1950er Jahren war das Geld knapp. Da mussten die Väter einspringen, und es war Kreativität gefragt. Benno Praeger bastelte für seine Kinder ein Steckspiel. Die mit farbigem Stoff besetzten Bolzen waren eigentlich Munition, wurden allerdings kaum eingesetzt, weil die Bolzenschusswaffen nur geringe Durchschlagskraft hatten. Der Vater arbeitete für den britischen Kampfmittelräumdienst und kam so auf eine eigene Version von „Schwertern zu Pflugscharen“.

Viktor Neubauer war ohne Ausbildung aus dem Krieg zurückgekehrt und absolvierte eine Lehre im Metallbau. Für seinen Sohn fertigte er einen eisernen Spielzeug-Lastwagen an, schwer und robust, mit dem nicht nur der kleine Frank spielte, sondern der auch im Haushalt nützlich war, wenn ein schweres Bücherregal umgesetzt werden musste. Uta Schmidt stellte dem Museum eine Blechdose voller Knöpfe zur Verfügung, mit denen sie bei ihrer Großmutter spielte.

Schon früh entdeckte die Wirtschaft die Sammelleidenschaft als Marketing-Instrument. In den frühen 1950er Jahren gab es als Zugabe zur Margarine kleine Plastikfiguren. Jürgen Notthof spielte mit den elfenbeinfarbenen exotischen Tieren.

Aber Kindheit bedeutete nicht nur Freizeit. So ist ein Schulranzen ausgestellt, den der Gelsenkirchener Bergmann Peter Pfaff 1947 für seine Enkelin Ingrid anfertigte. Zwei Kannen sind zu sehen, mit denen die Kinder losgeschickt wurden, um Milch zu holen. Und auch die Prothese, die der Vater trug, dem an der Ostfront nach einer Verwundung der linke Arm amputiert worden war.

1983 war die Zeit eigentlich vorbei, in der Väter in die Werkstatt gehen mussten. Aber die Brüder Bernd Hausberg schuf mit seinem Bruder Nils für seinen Sohn ein besonderes Einzelstück: eine ferrarirote Seifenkiste. 1983 bestritt der neunjährige Hardy als Neunjähriger sein erstes Rennen auf der Kettwiger Straße in Essen.

Zu der Zeit hatten die Spielzeuggeschäfte schon ein reiches Angebot. Nun wurde gekauft, sei es der „Plasticant-Systembaukasten“ (1960er Jahre), sei es der Elektro-Spielzeugherd (1967/68), an dem Michaela Willeke im Grundschulalter tatsächlich Spiegeleier, Pfannkuchen und Wurst zubereitete. Nun war die Zeit der Spielekonsole „tele-ball“ (1977) gekommen, mit der man den Fernseher zum Vorläufer von Computerspielen umfunktionieren konnte. Und natürlich war die Barbie-Puppe populär, für die man nicht mehr bastelte, sondern Zubehör kaufte. In Essen ist ein Ensemble von Puppen mit einem Camper (1974/76) ausgestellt. Und ein Stapel mit Heften des Comics „Fix und Foxi“ erinnert an ein populäres Kindermedium der 1970er Jahre.

Aber dokumentiert ist auch die eigene Kreativität der Kinder. 1958 drehten die Brüder Muschiol den Film „Lausejungen“ in Bochum, von dem allerdings leider nur die Filmrolle zu sehen ist. Sabine Kikillus aus Dortmund schrieb von 1967 bis 1970 25 Kinderkrimis mit vielversprechenden Titeln wie „Mord hinter der Friedhofsmauer“ und „Der Teppich des Grauens“. Und Gernot Werner gestaltete 1960/61 sein Album mit Autogrammen von Fußballern mit Zeitungsausschnitten zum Schauobjekt.

Ein bisschen darf man sich in der Ausstellung wie ein Archäologe fühlen. Nur dass hier die Funde nicht mühsam aus dem Boden geborgen wurden und restauriert werden mussten. Und man konnte die Menschen sogar fragen, wie sie die Dinge benutzt haben.

Bis 25.5.2021, di – so 10 – 18 Uhr, Tel. 0201/ / 24 681 444, www.ruhrmuseum.de

Katalog, Klartext Verlag,

Essen, 24,95 Euro

Quelle: wa.de

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