Ian Kershaws brillantes Buch: Das Ende. Kampf bis in den Untergnang – NS-Deutschland 1944/45

+
Zerstörte Baracke: Reichsmarschall Hermann Göring (helle Uniform) und der Chef der „Kanzlei des Führers“, Martin Bormann (links), begutachten die Zerstörung im Raum der Karten-Baracke im Führerhauptquartier Rastenburg, wo Oberst Stauffenberg am 20. Juli 1944 eine Sprengladung zündete, mit der Absicht Hitler zu töten. ▪

Von Elisabeth Elling ▪ Der Krieg ist im Sommer 1944 verloren. Trotzdem sind die meisten Deutschen entsetzt, als sich am 20. Juli die Nachricht vom Attentat auf den „Führer“ verbreitet – und erleichtert, dass er überlebt. Bis zur Kapitulation am 8. Mai 1945 werden 2,6 Millionen deutsche Soldaten sterben – so viele wie in den vier vorangegangenen Kriegsjahren. Ian Kershaw sucht Gründe für diese Selbstzerstörung: „Das Ende. Kampf bis in den Untergang – NS-Deutschland 1944/45“ heißt seine Studie.

Kershaw bilanziert einen Extremfall, für den er in der Geschichte keine Parallele findet. Millionen Tote, die Überlebenden ohne Ideale, viele ohne Angehörige und Heimat – und trotzdem kein Widerstand gegen das Regime, keine Verhandlungen mit den Gegnern, weil Hitler dies verweigert. Was ließ den NS-Staat durch- und zusammenhalten? Antworten findet Kershaw in den Strukturen und Mentalitäten, die das „Dritte Reich“ ausbildete.

Der britische Historiker hat mit seiner Hitler-Biografie schon einmal ein bis dahin maßgebliches Werk ausgenüchtert, nämlich Joachim Fests „Hitler“-Lebensbeschreibung. Den Zusammenbruch des NS-Staates beschrieb Fest ebenfalls („Der Untergang“), Ursachenforschung waren seine Innenansichten aus dem Bunker der Reichskanzlei nicht. Hier setzt Kershaw nun an mit einer glänzenden Verbindung von Analyse und Anschaulichkeit.

Das Durchhaltevermögen des NS-Staats macht er zum einen am „Quadrumvirat“ der Männer aus der zweiten Reihe fest: Bormann, Goebbels, Himmler und Speer. Ihr Gerangel um Hitlers Gunst befestigt dessen Macht – das ist die klägliche, aber effektive Schwundstufe der „charismatischen Herrschaft“.

In der Bevölkerung haben Frontmeldungen und Bombenkrieg den Glauben an Hitler zermürbt. Kershaw beschreibt die Stimmung so: „Solange der Krieg erfolgreich verlief, hatte man sich um das, was deutsche Soldaten den Russen und den Juden angetan hatten, nicht weiter gekümmert... Nun aber hatte sich das Blatt gewendet.“ Damit widerspricht er Kollegen wie Richard Gellatelly und Peter Fritzsche, die die Reihen der Volksgemeinschaft bis zum Schluss für fest geschlossen halten.

Von der schwindenden Unterstützung für das Regime differenziert Kershaw den Wunsch, die Heimat zu verteidigen. Ein anderes Mitläufer-Motiv ist Angst: Der Terror gegen Minderheiten, Fahnenflüchtige, Oppositionelle wuchert. Und Kershaw identifiziert eine Art Desperado-Haltung: Große und kleine Machthaber sehen nach dem Vernichtungskrieg im Osten und den Gräueln an den Juden keine Zukunft mehr.

Nach dem 20. Juli 1944 werden neue Vollmachten ausgegeben, um die sich das Quadrumvirat katzbalgt. SS-Chef Heinrich Himmler gewinnt Einfluss auf die Wehrmacht. Albert Speer bekommt als Rüstungsminister weniger ab, den Krieg verlängert sein Organisationstalent trotzdem. Martin Bormann bläht als Chef der Parteikanzlei die Macht der NSDAP auf: Die Gauleiter, die ihm unterstehen, sind für die zivile Verteidigung zuständig. Sie sind es, die Städte von Aachen bis Breslau zu Verteidigungsschlachten peitschen – und sich oft selbst in letzter Sekunde absetzen. Propagandaminister Joseph Goebbels schließlich erhält von Hitler die schon lange geforderten Vollmachten für den „totalen Krieg“ und rekrutiert bis Ende 1944 eine Million Mann für die Front. Seine Genugtuung hört sich so an: „Damit Hitler Vernunft annimmt, braucht er eine Bombe unter dem Arsch.“

Neben rabiatem Fanatismus beschreibt Kershaw auch stumpfe Pflichterfüllung, die das Regime stützt. Da werden in der Münchner Stadtverwaltung streng nach Dienstweg fünf Wisch-eimer organisiert, die beim Luftangriff verloren gingen.

Mit solchen Anekdoten illustriert Kershaw seine Befunde, die streckenweise allerdings unter einer holprigen und auch fehlerhaften Übersetzung leiden, wenn etwa die Ardennenoffensive auf den September 1944 vorverlegt wird.

Ein krasses Beispiel für den „Kampf bis in den Untergang“ erzählt Kershaw aus dem bayerischen Ansbach, wo Polizei und Passanten einen 19-Jährigen hängen.

Der Theologie-Student hat eine Telefonleitung gekappt, um die Weitergabe des Verteidigungsbefehls zu verhindern. Zwei Hitlerjungen beobachten ihn, zeigen ihn an, und es wird kurzer Prozess gemacht. Vier Stunden später sind die Amerikaner da.

Das Buch

Ein großer erzählerischer Bogen und eine kluge Analyse des „Dritten Reichs“.

Ian Kershaw: Das Ende. Kampf bis in den Untergang – NS-Deutschland 1944/45. Deutsch von Klaus Binder, Bernd Leineweber, Martin Pfeiffer. DVA, München, 704 Seiten, 29,99 Euro

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare