Keith Lowes Buch „Der wilde Kontinent“

Von Jörn Funke - Der Zweite Weltkrieg ging in Europa am 9. Mai 1945 zu Ende. Die Gewalt, die der Krieg gesät hatte, war damit aber lange noch nicht beendet. Der britische Historiker Keith Lowe hat die frühe Nachkriegszeit untersucht und zeichnet ein erschreckendes Bild der Jahre 1943 bis 1950: Rache, Ruinen und Rechtlosigkeit haben den Kontinent im Griff.

Europa lag 1945 nach dem Krieg am Boden. Städte waren zerstört, Millionen Menschen auf der Flucht. Soweit das bekannte Bild der Geschichtsschreibung. Wie umfassend der Zusammenbruch der Städte allerorten war, zeigt Lowe, ein 45-jähriger britischer Historiker, an Details in seinem Buch „Der wilde Kontinent“. In der vormaligen Millionenstadt Warschau gab es nach Kriegsende zwei funktionierende Straßenlaternen. Im vermeintlich sicheren Glasgow waren 6000 Häuser zerstört.

Wer Krieg, Zwangsarbeit und Vernichtungslager überlebt hatte, sann oft auf Rache. Lowe beschreibt eine Orgie der Gewalt. Befreite Zwangsarbeiter wüten in deutschen Städten, alliierte Soldaten vermögen sie kaum zu stoppen. In Osteuropa folgt der Flucht der Deutschen vor der Roten Armee die Vertreibung, oft von den Westalliierten stillschweigend akzeptiert.

Nicht minder brutal wüten die Grenzkonflikte weiter östlich: Polen und Ukrainer liefern sich kriegerische Auseinandersetzungen mit Anschlägen und Massakern. Jugoslawische Partisanen rechnen mit der faschistischen Ustascha-Miliz ab; es gibt Folterungen und Massenhinrichtungen. Am Ende steht Lowe zufolge das, was die Nationalsozialisten planten: ein ethnisch gesäubertes Osteuropa.

Ein zentrales Element der Nachkriegsgewalt ist Lowe zufolge Rache. Er zitiert sowjetische Soldaten, deren Familien von Deutschen ausgelöscht wurden und die dies nun vergelten wollen. In West- und Nordeuropa werden nach der Befreiung Kollaborateure ermordet und Frauen, die sich mit Wehrmachtssoldaten eingelassen haben, drangsaliert. Meist wird ihnen öffentlich der Kopf geschoren – Lowe zufolge eine Ächtung für ein vermeintliches Ausscheren aus der nationalen Gemeinschaft und die sexuelle Demütigung der einheimischen Männer.

Lowes Darstellung ist reich an erschütternden Abschnitten. Zu den schlimmsten gehört der Umgang des Nachkriegseuropas mit den Juden. Die Bevölkerungsgruppe, die unter nationalsozialistischer Herrschaft am meisten zu leiden hatte, war auch nach 1945 Zielscheibe von Hass und Rachegelüsten. Der Autor schildert Massaker in Polen, bei denen die Staatsmacht ausgesprochen zurückhaltend reagiert – aus Angst, von der Mehrheitsbevölkerung als Schutzherr der „reichen“ Juden angesehen zu werden. Hinter den Ausschreitungen standen häufig wirtschaftliche Interessen: Jüdisches Eigentum war verteilt worden und sollte nicht wieder hergegeben werden.

Lowe bearbeitet keinen leichten Stoff, seine Aneinanderreihung von Massakern ist zuweilen schwer verdaulich. Zugute kommt ihm ein für Historiker erstaunlich flüssiger Stil – sein Erstlingswerk „Tunnel Vision“ war ein skurriler Roman über eine Wettfahrt in der Londoner Untergrundbahn. Mit „Der wilde Kontinent“ erwirbt er sich das Verdienst, einen häufig übersehenen Zeitraum darzustellen. Zuweilen geht aber das Gefühl, was Ursache und was Wirkung war, verloren.

Dennoch: Lowes Buch zeigt, aus welchen Tiefen sich der Kontinent herausgearbeitet hat. Das geordnete und weitgehend friedliche Europa späterer Jahre wird man nach der Lektüre von Lowes Buch zu schätzen wissen.

Keith Lowe: Der wilde Kontinent. Deutsch von Stephan Gebauer und Thorsten Schmidt. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart. 526 S.. 26,95 Euro

Quelle: wa.de

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