Niedlich, süß, böse, eklig

Kehrseite der Alltagsästhetik: „#cute. Inseln der Glückseligkeit?“ in Düsseldorf

Kaninchen und Katze verbinden sich in Brenda Liens Video-Animation „Call of Cuteness“ (2017), die dem Niedlichen etwas Bösartiges mitgibt. Zu sehen in der Ausstellung „Cute“ im NRW-Forum Düsseldorf.
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Kaninchen und Katze verbinden sich in Brenda Liens Video-Animation „Call of Cuteness“ (2017), die dem Niedlichen etwas Bösartiges mitgibt. Zu sehen in der Ausstellung „Cute“ im NRW-Forum Düsseldorf.

Sind sie nicht niedlich, die beiden „Cabbage Kids“ auf einem Handtuchstoff? Die Fotografin Anne Geddes präsentiert das Kinderbild als Vorhang. Die feinspeckigen Buddha-Babys sitzen inmitten grüner Kohlpflanzen.

Düsseldorf – Die großen Gemüseblätter schützen die rosig-zarten Köpfchen wie Mützen und verulken die Kleinen gleichzeitig. Die Neuseeländerin Geddes (64) ist bekannt für ihre Baby- und Mutterbilder. Wer kennt nicht solche Neckereien, wenn der Nachwuchs noch alles mit sich machen lässt? Ein bisschen gemein sein ist schon gestattet. Oder? Die Baby-Inszenierung ist für ein Foto gedacht, das auf Unterhaltung setzt. Eine moralische Anklage entwickelt die Ausstellung „#cute. Inseln der Glückseligkeit?“ nicht aus solchen Fotovorlagen. Wieviel Kitsch ist gestattet? Ab wann sind Individuen dem Profit in unserem Amüsierbetrieb zu sehr ausgeliefert?

In der Ausstellung im Düsseldorfer NRW-Forum stecken rund 50 Künstler ein weites Feld ab. Der Titel „#cute“ hebt auf ein Schlagwort aus sozialen Netzwerken ab, das soviele Beiträge generiert wie kein anderer Begriff. „Niedlich“ ist die Losung für Aufmerksamkeit. Vor allem Katzen, Hunde, Babys und Kindlichkeitsschemata jeder Art finden sich unter #cute. Was bedeutet das?

Das Video „Dr Cute“ (2009, 5 Min.) von Rachel McLean referiert das Phänomen „niedlich“ in der Ausstellung. Ein Mauswesen mit rotem Doktorhut und blauen Ohren erklärt: „Niedliche Objekte können kollektives Leid verkörpern.“ Und: „Niedliche Dinge lenken von der Wahrheit ab.“ Deshalb finden sich solche Wirkstrategien im Produktdesign, in der Werbung, Robotik und Kunst. „Ich werde dich so doll drücken, dass du stirbst“, ist das Schicksal vieler Kuscheltiere. Und im Video zerfällt der flauschige Eisbär in zwei Teile. Autsch! Wieder zeigt „cute“ seine ambivalente Seite. Und darum geht es vor allem in Düsseldorf.

Zahlreiche Objekte der großflächigen Präsentation kommen vom Jugendkulturarchiv aus Frankfurt. In einer Plexiglasvitrine sind Accessoires, Mode und Devotionalien des Alltags versammelt: Handschuhe mit Kätzchenbildern, Söckchen mit Pferdeillustrationen, Püppi-Getränkedosen und kitschige Ponys. Alles wie ein kleiner Mädchentraum, der irgendwann auch den Mädchen nicht mehr gefallen wird.

In der Ausstellung, die zum Verbundprojekt „Gegenwartsästhetik – Kategorien für eine Kunst und Natur in der Entfremdung“ gehört, werden verschiedene Wechselwirkungen präsentiert. Die Japanerin Aya Kakeda entwirft beispielsweise wunderliche Wesen aus Keramik, die einerseits süßlich zufrieden lächeln und gleichzeitig an Insektenwesen und Gewürm erinnern. Denn eklig und gruselig kann das Süße auch sein. Und im Japanischen liegen die Worte „kawaii“ (niedlich) und „kowai“ (gruselig) lautmalerisch sehr nah beieinander. Kakeda verbindet die Kategorien.

Den Schrecken des Ekels weiß eine digitale Fotocollage auf den ersten Blick noch zu verbergen. Der ängstliche Blick eines kleinen Hundes ragt plastisch aus einer opulenten Blumenblüte heraus und verbindet sich zu einem bizarren wie sensiblen Wesen. Dass unter dem Hundekopf schnödes Gedärm zu sehen ist, erschließt sich erst spät. Falk alias @betrayel_junkie erstellt digitale Collagen aus gefundenen Instagram-Posts. Neben niedlichen Merkmalen werden oft Kindchenreize aufgegriffen.

In eine merkwürdig bekannte Welt entführt einen das Animationsvideo von Jonathan Monaghan. In „Disco Beast“ (2016, 18 Min.) ist ein Einhorn Hauptdarsteller. Das Märchenwesen schwebt hinter Glas in einer Art Blase, während die imaginäre Kamera an einem runden Haus mit Kuppel hinauffährt, wo ein Teil der Fassade wie eine Vliesdecke luftig auffliegt. Dahinter ist ein Coffeeshop erkennbar, menschenleer, und staubfrei. Diese ziellose Erzählung zeigt das Einhorn, wie es sich durch den Laden bewegt und mit zwei Düsentriebwerken davon rauscht. Dass über der Turmspitze des Hauses ein weißer Plastikdeckel schwebt, der eigentlich Coffee-To-Go-Becher verschließt, schafft eine Referenz zwischen dem Wegwerf-Produkt und der erhabenen Position in dieser modellierten Digital-Kunstwelt. Oder sollte es gleich ein Heiligenschein sein? Während Monaghans Video mit dem Unvorhersehbaren spielt, reagiert Brenda Lien auf den Sachverhalt, dass vor allem Katzenbilder und -bewegtbilder im Internet zu finden sind. „Call of Cuteness“ (2017) ist eine Animation, die den Zeichentrickeffekt nutzt, um zu erzählen, was mit Katzen alles passieren kann: Voller Zuneigung ausgestellt, werden sie durch falsche Liebe instrumentalisiert. Den Tieren wird artfremdes Verhalten zugemutet. Das Video zeigt plötzlich einen quälenden Prozess, den man als Zuschauer beenden will, so zerstörerisch wirken Bilder und Sound.

Die Ausstellung zeigt auch historische Fotos, die Jochen Raiss aus der Serie „Eisbären“ zusammengestellt hat. Vor 100 Jahren warb der Berliner Zoo für die Raubtiere und schickte mit Eisbärfellen kostümierte Menschen los. Sie gesellten sich im Park und am Strand zu Passanten, wurden Teil einer Familie und amüsierten in den surrealen Situtationen. Das Vermenschlichen ist der Anfang vom Niedlichen. Sogar in Subkulturen wie Steampunk und Black Metal wird etwas unbeabsichtigt Komisches erkennbar, wenn man Erklärvideos wie „Die Unheimlichen“ (2017, 3:09 Min.) ansieht, die eigentlich ernsthaft gemeint sind.

Ein Wiedersehen bietet das Künstlerehepaar Daniel + Geo Fuchs, die in der Breitwandfotografie „Toygiants-,white’“ die Helden unserer Unterhaltungskultur feiert. Wirklich süß?

Bis 18. 4.; nur mit einem Zeitfenster-Ticket, buchbar über www.nrw-forum.de https://shop.kunstpalast.de; medizinischen Mund-Nasen-Schutz ist verpflichtend zu tragen; di-so 11 – 18 Uhr; do/fr 11 – 21 Uhr;

Katalog im Kerber-Verlag erschienen 28 Euro;

Tel. 0211/56642 749

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