Katrin Mädler aktualisiert Lessings Trauerspiel

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Staunt über das Leben: Miss Sara Sampson (Lilly Gropper) an den Städtischen Bühnen Münster.

Von Achim Lettmann MÜNSTER - Sie stellt sich vor, Miss Sara Sampson, modisch kess, auf Stöckelschuhen und mit einer Traumbeschreibung, die tief und merkwürdig in Lessings Stück deutet. Das bürgerliche Trauerspiel des 18. Jahrhunderts „Miss Sara Sampson“ war ein neues Genre auf deutschen Bühnen. Mit Figuren voller Empfindsamkeit traf der Dramatiker das Herz seiner Zeitgenossen. Heute greift niemand mehr zum Taschentuch, wenn „Miss Sara Sampson“ gespielt wird und die junge Frau stirbt, weil ihr das Vertrauen des Geliebten fehlt, sie das Leid der Gegenspielerin und Mutter nicht vermehren will und sie sich durch das väterliche Verständnis für ihre eigensinnige Flucht mit einem Lebemann moralisch mies vorkommt.

An den städtischen Bühnen in Münster holt Regisseurin Katrin Mädler die Traurigen in ein schlecht beleuchtetes Hotel, wo ein Pianist (Andreas Abegg) nicht das Cocktail-Geklimper anbietet, sondern Stimmungsschübe absichtvoll und getragen setzt. Das Intro zu Erik Saties Gymnopédie stoppt Miss Sara aber und fordert den Hochzeitsmarsch, um den besseren Traum zu bestimmen. Sie macht ein paar Schritte seitwärts, ist albern, kindisch und dreht sich samt Schleier. „Ich will“, schreit sie, wie auf einem Rockkonzert und ist ganz up to date. Lilly Grooper belebt die Miss, die endlich Mrs. sein will, für unsere Zeit, in der junge Mädchen zwischen Engel, Zicke und Vamp ihre Performance wechseln. Aus der Identitätssuche macht Lilly Grooper aber einen Bewusstseinsprozess, in dem sich die unbeschwert Liebende mehr und mehr mit den Tatsachen des Lebens konfrontiert sieht. Ups?!

Zum Beispiel ihr Mellefont, den Ilja Harjes sehr bipolar anlegt, er will sie nicht ehelichen. Beide haben die Heimat fluchtartig verlassen. Er täuscht eine Erbschaft vor, obwohl ihn das Eheversprechen mehr drückt. Harjes trägt Cowboy-Stiefel und gibt den kernigen Kerl, der seine emotionalen Höhepunkte nicht sortiert bekommt. Mal sitzt er mit geknickter Kippe jungenhaft neben Sara, mal diffamiert er seine Ex als Verführerin. Harjes ist der Unkontrollierte, der bei einer Handgreiflichkeit doch wieder Marwoods erogenen Zonen sucht, ruppig, fast brutal. Gut, das Lessings Text einen zeitlosen Diskussionsstoff bietet, der über Beziehungskisten hinausweist.

Vor allem Claudia Hüschmann als Mellefonts Ex-Geliebte zieht der Lovestory ein paar Korsettstangen ein. Hübschmann spielt Marwood mit einer Neigung zur Selbstaufgabe, ohne dabei ihr Ziel aus den Augen zu lassen: Mellefont. Sie hat das Leben auf ihrer Seite und informiert Miss Sara über Mellefonts Liebschaften und die uneheliche Arabella, ihre gemeinsame Tochter. Das wird in Münster ganz unprätentiös gespielt. Wenn Sara und Marwood, die sich noch nicht zu erkennen gibt, zum Fenster treten, sich verstehen und wie Mädchen im Gleichschritt springen. Hier wird die Heiterkeit der Jugend als verlorenes Glück spürbar. Die bittersüße Annäherung der Rivalinnen kippt, als Sara moralisch in die Defensive gerät. Saras Husten nimmt zu, und Marwood stopft ihr giftige Pillen in den Mund, die Sara weiter schluckt.

Nun ist die Gymnopédie-Melodie unausweichlich, weiß Sara doch, dass sie dem Geliebten nicht das Vertrauen gab, sein Vorleben zu schildern. Und ihr Vater, den Gerhard Mohr als gewandelten Patriarchen im Pelzmantel sensibel macht, wird zum gutwilligen Schwiegervater, der Zukunft anbietet.

Regisseurin Katrin Mädler hat den Dialogen der Glücksuchenden eine Spannung gegeben, die mit dem Traummotiv korrespondiert, das vielleicht alles gar nicht so wahr ist. Am Ende finden die Figuren aus dem psychosozialen Hotelsaal (Bühne Mareike Porschka) noch irgendwie heraus. Während der selbstvergessene Mellefont nach seinem Selbstmord verschwindet, freut es einen für Miss Sara, die mit dem Fahrstuhl wohin auch immer fährt.

21., 30.11., 4., 13., 17.12., 12., 23., 24.1.,

Tel. 0251/59 09 100,

www.theater-muenster.com

Quelle: wa.de

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