Katholisches Gesangbuch ohne Huub Oosterhuis – Konservative Bischöfe setzen auf Rom

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Der niederländische Dichter und Theologe Huub Oosterhuis ▪

Von Elisabeth Elling ▪ GGB steht für „Gemeinsames Gebet- und Gesangbuch“. Das erste G könnte auch „geheim“ abkürzen. Denn unter Ausschluss der Öffentlichkeit überarbeiten die Bischöfe das katholische Gesangbuch. Ende 2013 soll das neue Gotteslob in den Kirchenbänken liegen und die Fassung von 1975 ersetzen. Seit Wochen wird gemunkelt, die sechs Titel des niederländischen Theologen und Dichters Huub Oosterhuis würden aussortiert. Die Bischöfe schweigen dazu.

An dem inoffiziellen Liederstreit kristallisiert die Kritik an einem römischen Zentralismus, der in den Augen vieler Laien und Priester vor die Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils zurückstrebt. In Holland wird er offen ausgefochten: Als die Diözesen Utrecht und ’s-Hertogenbosch 2010 mehrere Oosterhuis-Lieder für den Gebrauch im Gottesdienst zensierten, verteidigte der Bischof von Groningen den Poeten. Unter seinen deutschen Amtsbrüdern traut sich das keiner.

Oosterhuis, Jahrgang 1933, war Jesuit und Studentenpfarrer. Er verließ den Orden, gab das Priesteramt auf und heiratete. Dazu wird ihm vorgeworfen, er betätige sich als Leiter der „Amsterdamse Studentenekklesia“ schismatisch: Die Gemeinde pflegt eine reformierte Liturgie, legte nach Konflikten um Sakramente und Zölibat 1970 die bischöfliche Aufsicht ab – und gilt seither als „abtrünnig“. Dieser Lebensweg lässt manche Katholiken schaudern. Andere schätzen die spirituelle Kraft von Oosterhuis‘ Texten, aus denen keine Glaubensgewissheit dröhnt, sondern die Fragen und Zweifel formulieren. „Ich steh vor Dir mit leeren Händen, Herr“ (Gotteslob Nr. 621) und „Wer leben will wie Gott auf dieser Erde“ (GL 183) sind seine populärsten Titel. Sie werden auch in evangelischen Kirchen gesungen.

Gotthard Fuchs, Publizist und Priester der Erzdiözese Paderborn, verweist zur Verteidigung von Oosterhuis ironisch auf einen anderen Schismatiker. In der Zeitschrift „Christ in der Gegenwart“ fragt er: „Sollte man dann nicht auch Luthers Lieder aus dem ‚Gotteslob‘ entfernen?“ Ob Friedhelm Hofmann diesen Vorschlag für so abwegig hält, wie er gemeint ist?

Der Würzburger Bischof leitet die „Unterkommission GGB“ der Bischofskonferenz. Der 70-Jährige wird der konservativen Minderheit um den Kölner Kardinal Joachim Meisner zugerechnet – und die schätzt Oosterhuis nicht sonderlich. Fragen nach dessen Liedern weist Hofmann schriftlich zurück: Hier gebe es nur „Spekulationen, an denen ich mich nicht beteiligen möchte“.

Hofmann soll mittlerweile eine Gotteslob-Fassung zur Prüfung nach Rom übersandt haben – mit den Oosterhuis-Liedern. Die, so das vermutete Kalkül, fallen dann halt im Vatikan durch, bei der zuständigen Gottesdienst-Kongregation. Dort sind keine Oosterhuis-Fans zu vermuten: Kardinal Meisner ist eines der dienstältesten Mitglieder der Kongregation. Und ihr Präfekt, der spanische Kardinal Antonio Cañizares Llovera, fiel zuletzt mit einem freundlichen Vorwort für eine Choralsammlung der rechtsradikalen Piusbrüder auf. Die Reformbewegung „Wir sind Kirche“ warnt deshalb vor einem „römischen Diktat“. Eine „Spaltung zwischen Rom und dem Kirchenvolk“ drohe, sollten Oosterhuis‘ Titel zensiert werden, denn die seien „im Kirchenvolk fest verankert“.

Dass das neue Gotteslob rückwärtsgewandte Tendenzen abbilden könne, hält Hofmann für abwegig. Er sehe es „selbstverständlich als Aufgabe aller Beteiligten an, in den jeweiligen Verfahrensschritten den Geist des II. Vatikanischen Konzils zu beachten“. Zum Stand des Verfahrens macht er jedoch keine Angaben und betont stattdessen, dass nicht er, sondern die gesamte Bischofskonferenz das „Rekognoszierungsverfahren“ in Rom betreibe.

Dass sich deshalb die moderate Mehrheit der Oosterhuis-Befürworter gegen die Konservativen durchsetzt, erwartet aber niemand. Einwände des deutschen Episkopats perlen am Vatikan ab wie Kerzenwachs an Teflon. Fuchs: „Schon des Öfteren gab es jene, die ihre eigenen Ansichten auf verborgenen Kanälen unmittelbar in Rom durchsetzten – auch gegen klare Mehrheiten in der Bischofskonferenz und sonstwo.“ Eine Anspielung auf andere Erfolge Meisners, der dafür sorgte, dass die Amtsbrüder 2000 auf Weisung Roms aus der Schwangerschaftsberatung ausstiegen und 2011 den Verkauf der Buchhandelskette Weltbild ankündigten.

Jedes dritte Lied wird im neuen Gotteslob ausgetauscht: „Gesänge, die in den vergangenen 37 Jahren nicht angenommen wurden“, würden „durch bislang vermisstes Liedgut ersetzt“, so Hofmann. Auf der Streichliste dürften die Konservativen auch Lieder der NGL-Bewegung (Neues Geistliches Lied) und des Sacro Pop der 1960er und 1970er Jahre haben. Die verdammen sie als musikalische und theologische Banalitäten. Ins alte Gotteslob hatten es der aus Bockum-Hövel stammende Ludger Edelkötter („Kleines Senfkorn Hoffnung“) und Peter Janssens aus Telgte („Unser Leben sei ein Fest“) geschafft. Ob sie drin bleiben, lässt Hofmann offen.

Willkommen sind vor allem Werke der Romantik. So wird das „Sanctus“ aus Franz Schuberts „Deutscher Messe“ wohl in den neuen Stammteil aufgenommen. Es ist bislang nur im Regionalteil einiger Bistümer abgedruckt.

Quelle: wa.de

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