Das Karl-Ernst-Osthaus-Museum Hagen zeigt „Weltenbrand – Hagen 1914“

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Eine leise Mahnung für die unschuldigen Opfer des Kriegs: Milly Stegers Skulptur „Jephtas Tochter“ (1919) ist in der Hagener Schau zu sehen.

Von Ralf Stiftel HAGEN - Wie ein vom Sturm aufgepeitschtes Meer zeigt Hans Slavos das Schlachtfeld in Flandern. Im Hintergrund brechen britische Tanks durch den Schlamm. Vorn sind zwei Arme in den Himmel gereckt. Doch zu retten ist hier niemand mehr. Unterm Stahlhelm grinst ein Totenschädel, der Künstler zeigt verkrampfte Leichen. Um 1920 schuf der Hagener Künstler seinen expressiven Holzschnitt-Zyklus „Weltkrieg und Revolution“. Zu sehen ist die komplette Serie im Karl-Ernst-Osthaus-Museum.

Der Gedenktag des Kriegsausbruchs führte zu einer Flut von Ausstellungen zum Ersten Weltkrieg. Tayfun Belgin, Direktor des Osthaus-Museums, seine Stellverteterin Birgit Schulte und Ralf Blank, Leiter des Stadtmuseums, haben nach einem eigenen Zugang zum Thema gesucht. Die Ausstellung „Weltenbrand – Hagen 1914“ steht dafür: Das Geschehen vom Vorkrieg bis zum aufkommenden Faschismus wird fast ausschließlich aus Hagener Sammlungen bestückt, neben den beiden Museen sind noch Stadtarchiv und Osthaus-Archiv beteiligt. Und man konzentriert sich ganz auf die Stadt. Die Schau mit rund 700 Exponaten ist kulturhistorisch angelegt, also weder reine Kunstschau noch Dokumentation des Kriegsgeschehens. In Hagen erlebt man, wie sich der Weltkrieg in der Region auswirkte, an der Heimatfront.

Das Verfahren führt gewiss zu Fehlstellen. Die Völkerschlachten zum Beispiel sind nur in dem präsent, was die Angehörigen von den Soldaten zugeschickt bekamen. Fotos. Postkarten. Briefe. Die Schau bietet keine lückenlose Erzählung. Andererseits ergeben sich thematische Schwerpunkte, die oft genug auch über den lokalen Horizont hinaus interessieren. Hagen vor 1914 war eine aufstrebende Großstadt am Rand des Ruhrgebiets. Die Textil- und Stahl-Industrie boomte. Um 1900 wurde das Rathaus gebaut, 1910 der Bahnhof, 1911 das Stadttheater. Der Mäzen Karl Ernst Osthaus machte Hagen mit dem Folkwang-Museum zu einem Zentrum der europäischen Moderne.

Und so wurden die Ausstellungsmacher beim Durchstöbern der Magazine durchaus noch überrascht. Die eindringliche Mappe von Hans Slavos ist ein Beispiel. Oder der Expressionist Walther Bötticher (1885-1916), der von Osthaus gefördert wurde und mehrfach im Folkwang-Museum ausstellen konnte. Er fiel in der Somme-Schlacht. Mehrere Gemälde von ihm sind ausgestellt.

Osthaus selbst, vor 1914 eher ein Internationalist, der ja auch die französischen Avantgarde-Künstler sammelte und besuchte, fand zum vaterländischen Engagement. Er versuchte dabei aber auch, die von ihm geschätzten Künstler weiter zu fördern. Als auch Hagen eine Holzfigur aufstellen wollte, die gegen eine Kriegsspende benagelt werden sollte, da brachte Osthaus Ernst Ludwig Kirchner ins Gespräch. Dessen moderner Entwurf fiel wohl nicht heroisch genug aus. Den „Eisernen Schmied“ fertigte der Dortmunder Bildhauer Friedrich Bagdons. Das Original ist im Historischen Zentrum in Hagen zu sehen, im Osthaus-Museum steht eine Fototafel in Originalgröße, fast vier Meter hoch. Später wurde der „Schmied“ zum Symbol der Mobilmachung: 1934 stellten die Nazis ihn im Eingangsbereich des Rathauses auf.

Überhaupt findet sich in den Hagener Beständen eine Menge Kunst mit Bezug zum Weltkrieg, zum Beispiel Erich Heckels auf den ersten Blick idyllisch wirkendes Gemälde „Frühling in Flandern“, das der „Brücke“-Expressionist 1916 schuf – er leistete Kriegsdienst als Sanitäter in Ostende.

Eindrucksvoll ist ein Raum, der einem Werk der Hagener Bildhauerin Milly Steger gewidmet ist. Ihre Skulptur „Jephtas Tochter“ (1919) zeigt eine selbstvergessen tanzende Nackte. Steger mahnt an die Kriegsopfer mit der alttestamentarischen Figur: Der Richter Jephta opferte seine Tochter, um das Volk Israel in die Freiheit zu führen.

Aber die Schau wartet auch mit harten Fakten auf: Von der Vorkriegsblüte Hagens zeugt der Auftaktraum mit Möbeln aus der Villa Elbers (um 1910), ein Mosaik von Johann Thorn Prikker, Porzellan. Stahlhelme und Waffen reflektieren den Krieg ebenso wie bemalte Steine, Mitbringsel von der Front. Bemerkenswert: In Hagen war mit der Accumulatoren Fabrik AG das Zentrum der Elektrotechnik. Hier entstanden Großbatterien, die man für U-Boote brauchte. Eine dieser Zellen ist in der Schau – und erinnert daran, dass die global agierende Firma noch 1914 ihrer britischen Niederlassung Energiezellen und Zubehör lieferte. Man verdiente auf beiden Seiten der Front.

Auch die Nachwirkungen des Kriegs nach 1918 werden prägnant dargestellt. Die Waffen ruhen, der Hass lebt fort. Ein Propagandaplakat von Theo Mateijko (1923) zeigt eine Marianne im King-Kong-Format, die nach Zechen greift: „Hände weg vom Ruhrgebiet“. Ein Reflex auf die französische Besetzung des Reviers. Der Künstler Karel Niestrath zeigte die Kriegskrüppel und eine „Hungernde“ als Skulpturen. Man sieht Notgeld, Gedenktafeln und ein „Heldenbuch der Gefallenen“, aufwendig gestaltet. 1936 sollten die toten Helden für Nachfolger werben.

Ein Ausstellungsteil denkt das Thema fort in die Gegenwart: Antikriegs-Arbeiten von Künstlern wie Bernd Schwarzer mahnen. Und der Fotograf Andy Spyra zeigt Aufnahmen von gegenwärtigen Kriegsschauplätzen. Zu sehen ist unter anderem ein Mädchen aus Nigeria, dem eine Granate einen Arm weggerissen hat.

Weltenbrand – Hagen 1914 im Karl-Ernst-Osthaus-Museum Hagen. Eröffnung Sonntag, 15 Uhr, bis 10.8., di – fr 10 – 17, do 13 – 20, sa, so 11 – 18 Uhr,

Tel. 02331 / 207 3138,

www.osthausmuseum.de

Begleitbuch, Klartext Verlag, Essen, 22,95 Euro

Quelle: wa.de

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