Das Karl-Ernst-Osthaus-Museum Hagen zeigt den „Berliner Skulpturenfund“

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Auch als Bruchstück noch schön: Der Kopf von Emy Roeders Skulptur „Schwangere“ (1918), zu sehen im Hagener Osthaus-Museum.

Von Marion Gay HAGEN - Der dunkle Kopf ist zersplittert. Augen und Stirn fehlen, am Hinterkopf ragt eine spitze Scherbe auf. Wie ein Mahnmal steht der schwarz glasierte Terrakottakopf von Otto Freundlich (1878–1943) in der Vitrine.

Die während des Krieges verschollene Skulptur wurde 2010 bei Bauarbeiten an der U-Bahn vor dem Roten Rathaus in Berlin ausgegraben, zusammen mit 15 anderen Kunstwerken. Zu sehen sind sie jetzt in der Ausstellung „Der Berliner Skulpturenfund – „Entartete Kunst“ im Bombenschutt“ im Karl-Ernst-Osthaus-Museum Hagen. Die Schau war zunächst im Neuen Museum Berlin zu sehen, nun ist sie auf Wanderschaft.

Sie erzählt von der dunkelsten Phase der deutschen Museumsgeschichte. Unter dem Schmähtitel „Entartete Kunst“ wurde Deutschlands Moderne 1937 in einer großen Wanderausstellung verspottet. Mehr als 21 000 Kunstwerke aus deutschen Museen gelangten in zentrale Depots, wurden devisenbringend verkauft oder als nicht lohnend verbrannt. Viele dieser Werke gelten bis heute als verschollen.

Umso spektakulärer die Funde aus dem Schutt kriegszerstörter Gebäude der ehemaligen Berliner Königstraße. Was zunächst aussah wie Fragmente antiker Statuen, entpuppte sich als Werke von unter anderem Emy Roeder, Otto Baum, Naum Slutzky und den Hagener Bildhauern Milly Steger, Will Lammert und Karel Niestrath. Außerdem ließen sich Spuren von Ölfarbe, Leinwand und Papier im Schutt nachweisen, sodass man davon ausgehen muss, dass Gemälde und Grafiken im Feuer verbrannten, möglicherweise auch Holzskulpturen.

Aber woher kamen die Kunstwerke? Zunächst wurde vermutet, sie gehörten zur Privatsammlung der Familie Oewerdieck, die im Haus Nr. 50 Büroräume angemietet hatte. Die Oewerdiecks hatten mehreren Juden zur Flucht verholfen und im Bauschutt fand man den Firmentresor. Doch erst ein Berliner Regisseur, der ungenannt bleiben möchte, brachte den entscheidenden Hinweis. Bei Recherchearbeiten war er auf einen Brief gestoßen, aus dem hervorging, dass das Reichspropagandaministerium Wohnungen im Haus 50 als Depot nutzte, nachdem man die Eigentümerin, die Jüdin Edith Steinitz, 1942 enteignet hatte.

Fünfzehn der gefundenen Werke konnten bisher eindeutig identifiziert werden. Nur die große kniende, sitzende oder hockende weibliche Steinfigur gibt bis heute Rätsel auf. Stilistische Kriterien sprechen für ein Werk von Milly Steger. Vermutlich befand sich die Arbeit in der Gründungssammlung des Osthaus-Museums, damals „Städtisches Museum“. Im Sammlungskatalog von 1939 wird die Zahl der beschlagnahmten Werke mit rund 500 beziffert.

Die ausgestellten Arbeiten berühren vor allem durch die Zeichen der Versehrtheit. Die Spuren der Zerstörung wurden bewusst nicht restauriert, damit sie die Geschichte bezeugen. So hat man bei Marg Molls Messingfigur (um 1930) lediglich den Kopf und einen Arm in den polierten Originalzustand versetzt, der Rest des Körpers trägt grün-graue Patina. Fritz Wrampes „Reiter“ (1933/34) wird zweiteilig gezeigt: Der Mann auf dem Pferderumpf, neben dem Podest die abgebrochenen Beine des Tieres.

Besonders traurig wirkt der abgeschlagene Kopf von Emy Roeders „Schwangeren“ (1918). Ihre Lippen sind vom Feuer geschwärzt. Die Ausstellung wird ergänzt mit dreizehn Skulpturen der Hagener Bildhauer aus der Sammlung.

Eröffnung Samstag, 28. Juni, 16 Uhr; bis 21.9., di – fr 10 – 17, do 13 – 20, sa, so 11 – 18 Uhr,

Tel. 02331/ 2073138

www.osthausmuseum.de

Katalog 19,80 Euro

Quelle: wa.de

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