Karin Henkel inszeniert Horváths „Geschichten aus dem Wienerwald“

Sie lässt Licht springen, er badet die Hände in Blut: Szene aus „Geschichten aus dem Wienerwald“ in Bochum mit Mourad Baaiz und Marina Galic. Foto: Lalo Jodlbauer

Bochum – Am Anfang liegen die traurigen Figuren Ödön von Horváths auf der Bühne, eingehüllt in Plastikfolie. Zwei androgyne „Gestalten“ in langen schwarzen Kleidern wickeln sie aus, treiben sie zurück ins Leben. Und Marianne, um die sich die „Geschichten aus dem Wienerwald“ drehen, die wird an den Haken gehängt, wie eine abgestochene Sau im Schlachthof.

Nein, die Regiseurin Karin Henkel nimmt in ihrer Inszenierung am Schauspielhaus Bochum Horváths 1931 uraufgeführtes Volksstück nicht zu leicht. Sie verleiht ihm von Anfang an den grotesken und ernsten Schauer, den es verlangt. Hier geht es ja um nichts weniger als die Vernichtung einer jungen Frau, die gar nicht so viel verlangt vom Leben, die davon träumt, Ausdruckstänzerin zu werden, die Liebe möchte und Anerkennung. Aber weil die Zeiten sind nicht danach. Die Wirtschaft kriselt, der Faschismus wirft auch auf Österreich seine Schatten. Ihr Vater möchte eine Ehe mit dem Metzger Oskar arrangieren. Marianne versucht den Ausbruch, lässt sich mit dem Hallodri Alfred ein, bekommt ein Kind, das sterben wird, wird vom Vater verstoßen, landet im Edelbordell.

Henkel macht die Schrecken in dieser Geschichte von Anfang an spürbar, wenn sie die Figuren als Untote zeigt, die aus ihrem langen Schlaf gerissen werden. Die Bühne von Thilo Reuther ist schwarz und weitgehend leer, bestimmt durch ein kleines Rund, das sich mal als Schlund zur Hölle öffnet, in dem Marianne versinkt, das mal die Donau verkörpert, in der Marianne ihrem widerstrebenden Verführer verfällt, das Podest wird für Ansprachen und dann wieder kreiselt, um die triste Gemeinschaft zu drehen, zugleich Karussell und Grabmal. Die Toten tanzen hier noch einmal ihr Schicksal, tragische Wiedergänger.

In diesem offenen, absurden Raum glaubt man, dass es einen „Zauberkönig“ gibt, wie Horváth Mariannes Vater nannte. Auch sie zaubert ja einen Lichtpunkt von der einen Hand in die andere – aber diese Kunst nützt ihr nichts. Und hier ist ebenso Platz für kruden Realismus wie das Ausnehmen eines Schweins, dessen blutige Innereien der als Bräutigam auserkorene Oskar in langer Schürze aus dem massigen Leib räumt. Hier fügen sich so disparate Stilmittel wie tänzerische Bewegung und das Singen und Summen (Lars Wittershagen schuf eine suggestive Musik), Slapstick-Momente und psychologische Feinzeichnung zu einem ebenso poetischen wie scharfsichtigen Gesamtbild. Henkel öffnet die „Geschichten“ zur Gegenwart. Überall findet man Symbole: Lange bevor der kleine Leopold stirbt, stolpert die Trafikantin Valerie schon über sein Grab. Und das Baby wird lieblos an dem Haken deponiert, an dem erst Marianne hing und kurz darauf ein Skelett. Als Marianne ihre Eignung zur Varieté-Tänzerin demonstrieren soll, da stellen sie sie vor eine Windmaschine, die zugleich das eingewickelte Kind schwingen lässt, den tödlichen Luftzug vorwegnehmend. Auch die Besetzung setzt Akzente. Der Metzger Oskar ist kein grober, massiger Kerl. Aber wenn der aus Deutschland zugereiste Nazi-Neffe Erich bei der Verlobungsfeier von „braven deutschen Kindern“ schwadroniert, klingt das hier anders, weil der belgische Schauspieler Mourad Baaiz eben sichtlich Migrationshintergrund hat. Aber das ist nur ein Resonanzraum, den Henkels Inszenierung öffnet, keine zentrale Linie des Stücks.

Da bleibt Henkel ganz bei der armen Marianne, der alle so übel mitspielen. Marina Galic verkörpert sie mit vielen Nuancen. Sie hat ja nicht nur Hoffnungen, sondern auch Talente. Sie schmeißt den väterlichen Spielzeugladen. Sie schätzt Fleischer richtig ein, und dass sie etwas Glück fordert, macht sie nicht zum Naivchen. Das ist schon große Kunst, wie sie das Lied von der Wachau singt und dabei unbeholfen Tanzgesten ausführt, letzte Zuckungen zum Überleben.

Um sie sind weitere wunderbare Darsteller. Mourad Baaiz spielt den Metzger eher leise, nicht als Karikatur, sondern als Menschen, der Liebe sucht, freilich zu unbeholfen ist. Bernd Rademacher ist ein wahrhaft furchtbarer Zauberkönig, ein fieser Patriarch, selbstsüchtig, selbstgefällig, und doch auch ein Leidender, nicht nur wegen des Schlaganfalls. Ulvi Teke gibt den Verführer, den zwischendurch sehr wohl das Gewissen drückt. Karin Moog spielt die Valerie im hautengen roten Kleid wie eine Figur aus einem Dix-Gemälde, mit groß geschminktem Mund, Grimassen und Verletzlichkeit. Marius Huth klingt als Erich wie ein Populist von heute, nicht nur lächerlich, sondern auch gefährlich. Und um sie wuseln Gina Haller und Thomas Anzenhofer in vielen Rollen, als Rittmeister, weiche Mutter, hartherzige Großmutter... Horváths Diagnose einer zerfallenden Gesellschaft mit verunsicherten und verführbaren Kleinbürgern, Egoisten und Grausamen trifft noch heute. Henkels Inszenierung zeigt das mit analytischer Schärfe und dramatischer Wucht. Ein starker Start in die Spielzeit.

5., 6., 25.10., 2., 10., 22., 27.11., Tel. 0234 / 33 33 55 55, www. schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

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