Karikaturen aus dem Wilhelm-Busch-Museum in Dortmund

+
Teuflischer Quälgeist: Der Karikaturist James Gillray zeichnete 1799 die Gicht, sein Blatt ist in Dortmund zu sehen.

Von Ralf Stiftel DORTMUND - Das Teufelchen, das sich da feuerschnaubend in seinen Fuß verbiss, das kannte James Gillray genau. Es war die Gicht, die den englischen Zeichner quälte. Aber das Blatt von 1799 darf man auch als Sinnbild für die Karikatur sehen: Wie die Krankheit den Patienten soll der Spott den Mächtigen heimsuchen und piesacken.

Das Blatt ist in der Ausstellung „Karikatur & Zeichenkunst“ im Dortmunder Museum für Kunst und Kulturgeschichte zu sehen. Die Schau mit dem so trockenen Titel ist eine hinreißende Übersicht über die Geschichte der Karikatur mit rund 200 Werken aus der Sammlung des Museums Wilhelm Busch in Hannover. Dieses Haus feierte 2012 seinen 75. Geburtstag mit dieser Schau, die nun in Dortmund zu erleben ist. Und man begegnet hier kostbaren Originalen, durchschreitet Kunstgeschichte unter dem besonderen Gesichtspunkt der Komik.

Das erste Blatt, das dem italienischen Meister Annibale Carracci (1560–1609) zugeschrieben wird, führt in die Geburtsstunde des Genres. Es zeigt zugleich, dass auch große Kunst zum Schmunzeln anregen kann. Die Gruppe von Musikanten ist virtuos in ihrer räumlichen Präsenz erfasst. Aber die übergroßen Köpfe, die plumpe Hand des Posaunisten, die spitzen Nasen machen die Männer zu komischen Figuren. Neben anonymen Blättern werden auch Arbeiten des französischen Kupferstechers Jacques Callot präsentiert, der im Miniaturformat die grotesken Tanzschritte der „Balli di Sfessania“ (um 1622) festhielt.

Dabei erweisen sich schon die Themen aus der Frühzeit der Karikatur als erstaunlich zeitlos. Giuseppe Maria Mitelli geißelt 1699 habgierige Ärzte als „moderne Araber“, die die Armen zur Ader lassen, und in ihren Bechern fangen sie kein Blut auf, sondern Münzen. 1720 schuf ein anonymer englischer Künstler ein Blatt, in dem er sich über die Spekulanten mokiert – schon damals gab es eine Blase an der Londoner Börse, und zwar im Südseehandel mit Sklaven und exotischen Gewürzen. Die beiden Blätter sehen aus, als hätte jemand Einzelzeichnungen auf ihnen kreuz und quer arrangiert, so dass der Spötter viele verschiedene Momentaufnahmen bieten kann, vom seifenblasenden Knaben über aufgeregte Börsianer bis zum Händler, der im Gefängnis gelandet ist.

Das Busch-Museum verfügt über eine grandiose Sammlung, die durch Schenkungen und Ankäufe kontinuierlich aufgebaut wurde. So kamen Nachlässe von Ronald Searle oder F. K. Waechter ins Haus. Mehr als 35 000 Blätter umfasst die Abteilung Karikatur. Das goldene Zeitalter der englischen Karikatur ist bestens vertreten, angefangen mit den Sittenbildern eines William Hogarth. Hinreißend ist seine Darstellung einer Gesellschaft von besoffenen Punschtrinkern (1733). James Gillray zeigt die Regierung als gierige Schar von Ferkeln, die zur ausgemergelten Staatssau drängen: „Mehr Schweine als Zitzen“ (1806). George Cruikshank scheute keine Anzüglichkeit: Er zeigt den Thronfolger George IV. als Laufrad für seine Geliebte (1819) und lässt deutsche Adlige den „new German Waltz“ tanzen, wobei die für ihre Affären berüchtigte Prinzessin ihrem neuen Gemahl gleich das Hahnrei-Zeichen aufsetzt. Und bei Thomas Rowlandson flößt der Tod dem Trinker den letzten Tropfen ein.

So geht es durch die Geschichte: mit Anti-Napoleon-Blättern und einem Obelisken in Birnenform für den französischen König Louis-Philippe, mit meisterlichen Werken von Grandville und Honoré Daumier. Von Goya sind Radierungen aus den „Caprichos“ zu sehen, aber auch zwei Blätter aus der Serie „Schrecken des Krieges“ (Desastres de la Guerra, um 1810/15). Ein ganzes Kapitel ist dem Namenspatron des Museums gewidmet, der zwar nicht eigentlich Karikaturen malte, aber im Lehrer Lämpel und in der Witwe Bolte doch bürgerliche Archetypen verspottete. Die Künstler des Simplicissimus sind zu studieren, von Olaf Gulbransson mit Propaganda zum Ersten Weltkrieg bis zu Karl Arnold, der 1932 hellsichtig Hitler gegen Friedrich den Großen absetzte: „In Meinem Staate kann jeder nach Meiner Facon selig werden!“

Und natürlich fehlen auch die modernen Meister nicht, Tomi Ungerer, Jean-Jacques Sempé, Ronald Searle, Chas Addams. Sogar eine Folge von Charles M. Schulz’ Comic „Charlie Brown“ ist ausgestellt. Die Klassiker der Nachkriegskarikatur in Deutschland sind ebenfalls vertreten: Man darf sich über Loriot amüsieren und über F. K. Waechter, über Robert Gernhardt und Hans Traxler, aber auch vom Österreicher Manfred Deix hängt ein böses Blatt über die immer frechere Sommermode (1991).

Immer wieder greifen die Zeichner klassische Motive auf. Gerhard Glück siedelt das letzte Abendmahl („frei nach Leonardo“, 1998) im italienischen „Ristorante da Vinci“ an, wo der Kellner Christus schon mal die Spiesekarte reicht. Gerhard Haderer lässt Angela Merkel 2004 wie einst James Dean auf dem „Boulevard Of Broken Dreams“ wandeln. Nur dass bei ihr die Leuchtreklamen und Straßenschilder mit den Namen kaltgestellter Parteifreunde geschmückt sind, von Friedrich Merz über Edmund Stoiber bis zu Wolfgang Schäuble.

Karikatur & Zeichenkunst im Museum für Kunst und Kulturgeschichte Dortmund. Bis 31.8.,

di – so 10 – 17, sa 12 – 17, do 10 – 20 Uhr,

Tel. 0231/ 502 55 22

www.museendortmund.de

Katalog, Hirmer Verlag, München, 39,90 Euro

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare