Kameruns „Abseitsfalle“ am Theater Oberhausen

OBERHAUSEN – Die Außenprojekte des Theater Oberhausen haben eine lange Tradition. Ob ein absurder Klassiker im Gasometer oder ob die Spielwut auf der Halde Platz fand, der Ort beschleunigte das Erlebnis. Von Achim Lettmann

Diesmal zieht das Publikum in eine Sporthalle im Stadtteil Osterfeld. In drei städtischen Bussen. Und diesmal geht es nicht (nur) um den theatralischen Mehrwert, es geht ums Ganze. „Abseitsfalle“ nennt Schorsch Kamerun sein Projekt, das sich ums gefährdete Kulturangebot der Stadt dreht. Die Fakten sind bekannt. Die Stadt Oberhausen ist massiv verschuldet. Auf dem Weg nach Osterfeld fahren die Busse am Centro vorbei, dem Einkaufsgiganten. Einst stand hier die Gutehoffnungshütte, Oberhausens Stahl-Vergangenheit.

Im Bus erzählt eine Sprecherin von Opa Koschminski und seine Arbeiter-Anekdoten, die auch dem jungen Zuhörer vermittelten, „selbst ein kleiner Kumpel“ zu sein. Man gehörte dazu. Damals.

Heute drücken 1,6 Milliarden Euro Schulden. 7500 Euro pro Oberhausener, wird vorgerechnet. Ist die Busfahrt nicht längst ein Himmelfahrtskommando? Neben dem Theaterteam mit Pförtner, Dramaturgin, Schauspielern, Abonnent und Bühnenbildnerin ist eine Mannschaft vom Fußball-Verein Rot-Weiß Oberhausen dabei: einige Fans, der erste Vorsitzende, ein Sportreporter, eine Spielerfrau. Sie treten gegen das Schauspiel in einem imaginären Wettstreit an, den Regisseur Kamerun wie ein drittklassiges Spiel-ohne-Grenzen fürs Trash-Fernsehen ausrichtete.

Wer hier gewinnt, erhält Geld vom Ölmulti Arab Petrol. Marek Jera ist als Repräsentant der Firma mit Mini-Fez und Pluderhose auf Karneval getrimmt („Ist das Revier bereit für eine neue Ära?“). Vergleiche zu dem russischen Gas-Konzern „Gazprom“, der den FC Schalke 04 sponsert, sind gewollt. Ausverkauf, ja bitte!

Auf zwei Spielflächen der Dreifach-Halle treten die Teams zeitgleich, aber durch eine Wand getrennt, gegeneinander an. Videos ermöglichen den Vergleich. Es wird gespielt: King Lear, der die aufrichtige Tochter verstößt. Mal als steife Klassiker-Klamotte (Theater), mal als volksnahe Patriarchen-Parodie (Fußball). Beim Mal-Wettbewerb trifft abstraktes Action Painting (Theater) auf Keith-Haring-Figuration (Fußball). Thema: Wüstenlandschaft. Auf der Videoleinwand sind zwei Pärchen eingeblendet, die zwischendurch über Arbeit, Glück und Leben reflektieren. Ein düsterer Dialog verzweifelter Gestalten („Ich habe darauf gewartet, den richtigen zu treffen“). Und Sponsoren werben in den Umbaupausen.

Das Theater-Team liest noch getragene Zitate von Bert Brecht, Kafka und Co. Die Fußballer geben Sprüche zum Besten: „Die Breite an der Spitze ist breiter geworden“ (Berti Vogts). Alles irgendwie bekannt. Aber selbst persönliche Aussagen wirken aufgesagt, hingeworfen, uninspiriert. Es muss schnell gehen. Ein Krampf, der demonstriert, wie hilflos die Kulturträger sind, wenn die Willkür entscheidet. „Ich kann das nicht“, sagt eine Zuschauerin, als sie am Ende per Karte votieren muss. Wer hat gewonnen?

Der Sängerbund der Gutehoffnungshütte beschwört „Fühl‘ Dich in Oberhausen wohl.“ Eine bescheidene Hoffnung, die tröstend wirkt. Schorsch Kamerun, der für Cross-Over-Projekte bekannt ist, versucht der Finanznot theatralisch beizukommen. Farce, Schmonzette, Chaos-Show? Die Genre-Formate sind zweitrangig, das Drama ist real und unübersehbar.

25., 27. März; 13., 29. April, 4., 14., 15., 19. Mai;

Tel. 0208 / 8578 184;

http://www.theater-oberhausen.de

Quelle: wa.de

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