Käthe Kollwitz auf Schloss Cappenberg: „denkZeichen“

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Die Lithografie „Mütter“ zählt zur Bildfolge „Krieg“ (1919) von Käthe Kollwitz, zu sehen auf Schloss Cappenberg. ▪

Von Anke Schwarze ▪ SELM–Die Zeichnung zeigt den leblos hingestreckten Körper einer Frau, inmitten wirrer Bleistiftstriche, die ein zerrupftes Blumenbeet mehr andeuten als darstellen. Die gespreizten Beine der Frau und ihr notdürftig bekleideter Unterleib stechen hervor. Kopf und Oberkörper gehen unter im Liniengewirr. Kaum lässt sich der Kopf eines Kindes ausmachen, das fassungslos über den Zaun schaut. „Vergewaltigt“ nannte Käthe Kollwitz diese Skizze gnadenloser Zerstörung.

Käthe Kollwitz verdeutlichte die Folgen von Gewalt schonungslos und expressiv. Das zwingt die Besucher der aktuellen Ausstellung des Kreises Unna im Schloss Cappenberg, sich mit ihren Themen auseinander zu setzen – mit der gesellschaftlichen Situation der Frau, mit Krieg, Alter und Tod. In diese Bereiche gliederte Kurator Dr. Jürgen Doppelstein die Ausstellung. Doppelstein, Vorsitzender der Ernst-Barlach-Museumsgesellschaft in Hamburg, will Kollwitz' weibliche Weltsicht auf gesellschaftliche Phänomene herausstellen. Eine Sicht, die Stimmungen erfasst und sich um Folgen kümmert – um jene Folgen, die Gewalt und soziale Ungerechtigkeit auf Menschen haben, vor allem auf Frauen und Kinder.

An Aktualität haben die 130 ausgestellten Grafiken und Plastiken aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nichts verloren. Sie waren und sind Zeichen, die Denkanstöße geben – „denkZeichen“, wie die Werkschau überschrieben ist. Ungerechtigkeit und Gewalt sind zeitlos. Das demonstrierte Kollwitz, indem sie mit Bauernkrieg und Weberaufstand historische Ereignisse wählte, die vor ihrer Zeit lagen, aber dennoch geeignet waren, soziale Ungerechtigkeit darzustellen und auf diese Weise anzuprangern. Jedem dieser bedeutenden Zyklen gehört ein Raum.

Informationstexte und Zitate weisen darauf hin, dass viele Motive von Kollwitz aus eigenen Erlebnissen gespeist waren. Nachdem ihr Sohn Peter im 1. Weltkrieg gefallen war, appellierte Kollwitz in ihren Bildern an die Mütter, ihre Kinder vor sinnlosem Tod zu bewahren.

Um den Tod des Sohnes zu verarbeiten, schuf sie eine knapp 40 Zentimeter hohe Bronzeplastik, allgemein Pietà genannt. Die blockhafte Skulptur einer Mutter, die sich schützend über ihren zerschmetterten Sohn beugt, bildet den Mittelpunkt eines Raums im Erdgeschoss.

Schicksalsschläge, männliche Kritteleien und Verfemung durch die Nationalsozialisten hinterließen Spuren in Kollwitz' Gesicht. Schonungslos setzte sie sich auch damit auseinander, in über 50 Selbstbildnissen. In Cappenberg gibt es eine große Auswahl davon. Und im Foyer des Schlosses empfangen den Besucher vier überlebensgroße Portrait-Fotos – Käthe Kollwitz in verschiedenen Lebensstadien.

Die ausgestellten Radierungen, Lithografien oder Holzschnitte, fast alle aus Privatsammlungen, beweisen, wie versiert Kollwitz in den grafischen Techniken war. Da gibt es den fließenden, suchenden Strich in Kohlezeichnungen, der sich stellenweise zur entschiedenen Linie fügt. Fein abgestufte Hell-Dunkel-Schattierungen in Lithografien zum Weberaufstand schaffen plastische Wirkung. Daneben hängt eine jener Radierungen, in denen gestochen scharfe Linien für heftige Kontraste sorgen.

Kennzeichnend für Kollwitz' Stil ist ihre Auffassung von der menschlichen Figur: Menschen mit hohen und ausgemergelten Wangenknochen, mit tief liegenden und umschatteten Augen, mit knorrigen und verarbeiteten Fingern. Durch Lichteffekte, aber auch durch unverhältnismäßige Proportionen betont Kollwitz die Gesichter und Hände, die verzweifelte Lebensumstände spiegeln, verursacht durch Krieg oder Ungerechtigkeit. Ihre Ausdrucksformen wirken hoch emotional und hemmungslos. Und immer sind es die Frauen, die in leidenschaftlichen Umarmungen, in verhärmten Zügen, in ergreifenden Gesten diese Emotionen zeigen.

Die Schau

Die Vielfalt des zeichnerischen Vermögens einer großen humanen Künstlerin ist zu sehen und zu erleben.

Käthe Kollwitz – denkZeichen auf Schloss Cappenberg bei Selm.

Eröffnung am Sonntag, 14. August, 11 Uhr; bis 20. November, di-so 10 bis 17.30 Uhr,

Tel. 02306/71170,

http://www.kreis-unna.de

Quelle: wa.de

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