Udo Jürgens’ neues Album „Mitten im Leben“

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Gut gelaunt: Udo Jürgens stellt sein neues Album in Berlin vor.

Von Matthias Dietz - Wer als Komponist, Chansonnier und Entertainer auf die 80 zugeht, der darf für sich Altersmilde reklamieren, darf Gelassenheit an den Tag legen. Der darf es, kurz gefasst, ruhig angehen lassen – als Senior. Er darf, er muss freilich nicht.

Einer, der diese Erkenntnis, im biologisch hohen Alter, umsetzt, hat gerade eine neue CD auf den Markt gebracht: Udo Jürgens. Gesagt, was er denkt, hat der Österreicher immer schon. Hat Angepasstheit vermieden, hat gewarnt, gemahnt, geliebt, gelacht, gelitten, geweint. Hat Trophäen gesammelt, um Ideale gekämpft. Mit Worten, mit Melodien. War immer auch ein Querdenker, der anderen Mut gemacht hat, dann aufzubegehren, wenn es Anlass dafür gab. Freilich ohne zu fragen, ob Rendite dafür winkt.

Die neue CD – vielleicht wäre es gewagt, sie die beste zu nennen, die es je von ihm gab. Weil er so viele gute schon präsentiert hat in diesen Jahren und Jahrzehnten. Und doch: Wir wagen den Superlativ. Besser, eindrucksvoller, faszinierender war dieser Udo Jürgens niemals zuvor. Auch wenn er, gleich beim ersten Titel, zur ungewohnten Schelte ausholt. „Wer traut sich nicht zum Zahnarzt – aber Kriege fängt er an...?“ – da wird der Mann urplötzlich zum Problem. Ein Einstieg nach Maß, wie wir Männer augenzwinkernd zugeben müssen.

Jeder Ton, jedes Wort habe seine Wurzeln, beschreibt der Künstler seine ganz persönlichen Empfindungen – „Mitten im Leben“. So heißt die CD. Und das meint der Mann immer noch verdammt ernst. Alt sind andere...

Die Kompositionen, sie sind so gut, wie man das von einem wie ihm, bitteschön, erwarten darf. Aber der Einklang mit den Texten, er gelingt diesmal unfassbar gut. Weil Jürgens die richtige Mixtur gefunden hat. Klar, Wolfgang Hofer, er darf nicht fehlen. Da spricht man dann gern von kongenial. Aber auch Katharina Gerwens etwa oder Oliver Spiecker, sie drücken diesem Album textlich ihren Stempel auf. Ebenso wie Frank Ramond, den wir doch eher nah bei Annett Louisan oder Ina Müller vermutet hätten.

Udo Jürgens war immer auch der Mann für die großen Worte. „Ich möchte jeden Zweifel, Tod und Teufel von dir wenden“ – das muss einem erstmal einfallen („Was ich gerne wär’ für dich“). Ein hinreißendes Liebeslied.

Melodien und Texte verschmelzen zu Kompositionen, die einem den berühmten Schauer über den Rücken laufen lassen können. („Wohin geht die Liebe, wenn sie geht“). Das rührt an, bewegt, ist einfach schön.

Udo Jürgens war aber immer schon und ist heute vielleicht intensiver als jemals zuvor auch der mahnende Philosoph („Das Leben bist du“) – er kann sich’s eben, heute mehr denn je, leisten.

Die ganz großen Melodien hat der Österreicher zeitlebens zelebriert, hat sich Sinfonieorchester dazu geholt, klassische Instrumente wie Violine, Flöte, Saxophon oder Trompete. Auf der aktuellen CD erfüllt das große Filmorchester Babelsberg die hoch gesteckten Erwartungen.

Udo Jürgens weiß um sein Alter und die vergleichbar kurze Zeit, die ihm das endliche Leben noch lassen wird. Er resigniert nicht ob dieser bedrückenden Perspektive, er baut sie einfach ein in seine Lieder. Wenn er singt „Ich reiß’ sicher keine Bäume mehr aus – doch ich will und werde noch welche pflanzen“, dann ist Gänsehaut garantiert.

Wie sehr ihm die überall drohende Totalüberwachung auf den Geist geht, hat er vielfach schon erzählt. Auch auf der neuen CD widmet er dem Thema Raum („Wo sind Netzwerke denn sozial?“), ebenso der unfassbaren Gier geldgeiler Manager, die die Welt an den Rand des Ruins gesteuert haben.

Wie gesagt, ein richtig schönes Album. Und ein ehrliches dazu, wie wir beim allerletzten Lied erkennen. Da beschreibt Jürgens die Einsamkeit nach umjubelten Konzertabenden. So echt, so authentisch, als würden wir neben ihm sitzen in der kalten Nacht...

Zitate

„Vom Gesang her habe ich nicht das kleinste bisschen eingebüßt. Im Gegenteil: Ich singe wesentlich entspannter als früher“, sagte Udo Jürgens in Berlin. Er sei heute gar schneller als einst: Das ganze neue Album habe er in nur ein paar Stunden eingesungen. „Dass ich dieses Album schreiben konnte, in diesem Alter, das erfüllt mich mit einer unheimlichen Hoffnung“.

Quelle: wa.de

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