Jürgen Mikol und Andreas Weißert spielen Brechts „Flüchtlingsgespräche“ in Dortmund

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Souveräne Brecht-Interpreten: Jürgen Mikol (links) und Andreas Weißert in Dortmund.

Von Rolf Pfeiffer Dortmund - Was tut einer den lieben langen Tag, wenn er vor den Nazis in ein fremdes Land flüchten musste? Bertolt Brecht notierte in den späten 30er Jahren im dänischen Exil seine „Flüchtlingsgespräche“. Jetzt sind sie Dortmunder Schauspiel zu sehen: Eine hier mittlerweile ungewöhnliche, keineswegs jedoch reizlose Veranstaltung.

Viel Biografisches erfahren wir nicht über die Männer, die sich im Bahnhofsrestaurant treffen. Kalle ist ein rechtschaffener Proletarier, Metallarbeiter, Ziffel Physiker. Man redet über Migrantenthemen zunächst, über Pässe, über Unterkünfte, doch bald ist man schon bei Deutschland, bei deutscher Ordnung und deutscher Kraft und bei den Verhältnissen, die in der alten Heimat unter den Nazis monströse Veränderungen erfahren. Ziffels kauzige Einlassung, dass es viel einfacher wäre, ein Ziel mit erster statt mit letzter Kraft zu erreichen, ist immer noch ein hübsches Brechtsches Kleinkunstjuwel, und es bleibt nicht der einzige. Beide – Kalle, der meistens nur bekräftigend zuhör, und Ziffel mit seinem Hang zum Monologisieren – sind gefährliche Geradeausdenker, deren scheinbar zwangsläufige Erkenntnisse auf mitunter groteske Art entlarven. Hellseherisch geradezu sind die Gedanken über die Volkswirtschaft, die so kompliziert geworden ist, dass niemand mehr sie überblicken kann. Und auch die Sätze über die Schweiz, in der Reise-, Meinungs- und Pressefreiheit zwar bestehen, aber keineswegs zu weit getrieben werden dürfen, könnten vor kurzem erst geschrieben sein. Scharfes Denken, so Ziffel, sei schmerzhaft; der vernünftige Mensch vermeide es, wo immer er könne. Und wenn solche Sätze fallen, die eigentlich ja eher deprimierend sind, dann vermeint man doch ein Augenzwinkern des Schauspielers zu erkennen, der diesen vertriebenen Weisen wider Willen spielt.

Andreas Weißert gibt den Physiker Ziffel, Jürgen Mikol ist sein durchaus kongeniales Gegenüber Kalle. Mikol war lange im Dortmunder Ensemble. Auch an Weißert, der in Dortmund von 1975 bis 1980 Oberspielleiter war und seitdem auf vielen weiteren Bühnen stand, werden sich viele noch erinnern. Die beiden stellen die „Flüchtlingsgespräche“ untadelig als konzentriertes Kammerspiel auf die Bühne, verzichten auf inszenatorische Schnörkel und erfreuen im Vortrag der mal gezierten, mal abgehobenen, oft messerscharfen Brechtschen Zeilen ihr Publikum, das an diesem Abend etwas älter war als sonst. Einige Male brachten die beiden zwischen szenischen Gesprächen aktuelle Texte zu Gehör.

Wenn den Zusammentreffen der beiden Männer trotz widriger Flüchtlingsexistenz ein gutes Maß an Behaglichkeit und Entspanntheit innewohnt, so wohl einfach deshalb, weil sie schon etwas älter sind. Zwar ist Jürgen Mikol trotz seiner 73 Jahre noch immer ein Mime mit beneidenswerter Beweglichkeit, zelebriert der achtzigjährige (!) Andreas Weißert seine Rolle, leicht unterspielend, mit einer Souveränität, die man auch jüngeren Kollegen gönnen würde, doch sind die beiden eben Senioren, die Rückschau halten.

Trotzdem ist es ein Vergnügen, das Stück und diese beiden wunderbaren Schauspieler zu erleben; wie es überhaupt erfreulich ist, wieder einmal ein Stück von Brecht auf der Dortmunder Bühne zu sehen.

8.3., Tel. 0231 / 50 27 222, www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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