Jürgen Luth beurteilt Friedrich Wilhelm von Brandenburg, den Großen Kurfürsten

Jürgen LuthHistorikerFoto: jürgen luth

Wer „der Große“ genannt wird, muss Außerordentliches geleistet haben. Friedrich Wilhelm von Brandenburg (1620–1688), der „Große Kurfürst“, war ehrgeizig, lange Zeit aber nur mäßig erfolgreich. Doch in seiner 48 Jahre währenden Herrschaft legte er die Grundlagen für den Aufstieg Brandenburg-Preußens zur europäischen Macht. Der Historiker Jürgen Luh hat Friedrich Wilhelm zum 400. Geburtstag eine kritische Biographie gewidmeDie brandenburgischen Herrscher waren im 17. Jahrundert zwar Kurfürsten und durften den deutschen König mitwählen, machtpolitisch standen sie jedoch in der zweiten Reihe. Ihre Territorien lagen weit von einander entfernt, vom Niederrhein bis nach Ostpreußen. Um alles noch komplizierter zu machen, waren größere Teile von den Schweden besetzt – der stärksten Militärmacht jener Tage. Schweden hatten auf protestantischer Seite in den Dreißigjährigen Krieg eingegriffen und war nach dem Westfälischen Frieden 1648 gewillt, zu bleiben. Das galt insbesondere für Pommern, auf das auch Friedrich Wilhelm Anspruch erhob.

Friedrich Wilhelm versuchte vergeblich, die Schweden wieder loszuwerden. Gründe, den Kurfürsten dafür als „Großen“ zu bezeichnen, gab es Luh demzufolge kaum. Der Herrscher taktierte dem Historiker zufolge häufig ungeschickt zwischen Niederländern, Schweden und dem Habsburgischen Kaiserhaus; sein Sieg über die Schweden 1675 bei Fehrbellin war Luh zufolge militärisch zweitrangig und wurde von preußischen Historikern aufgebauscht.

Luh ist bei der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg für Wissenschaft und Forschung zuständig; für seine Biographie Friedrichs des Großen (2011) und seine Darstellung der Stein-Hardenbergschen Reformen (2015) hatte er viel Lob bekommen. Seine Friedrich-Wilhelms-Biographie ist vom Willen getragen, ein antiquiertes Geschichtsbild zurechtzubiegen. Immer wieder weist Luh auf beschönigende Darstellungen des Kurfürsten durch preußische Geschichtsschreiber hin. Stand der Forschung ist das allerdings nicht mehr – der Münsteraner Historiker Heinz Duchardt hatte bereits 2000 eine „ernüchternde“ Bilanz von Friedrich Wilhelms Wirken gezogen.

Zu verdanken hat Brandenburg-Preußen dem Großen Kurfürsten die Souveränität des Herzogtums Preußen, das bis 1660 dem polnischen König untertan war, und den Aufbau eines stehenden Heeres – also die Grundlagen für den späteren Aufstieg zur europäischen Macht. Innenpolitisch ist das Edikt von Potsdam (1685) Friedrich Wilhelms Vermächtnis. Der Kurfürst nahm damals rund 20 000 reformierte Protestanten auf, die Ludwig XIV. aus Frankreich vertrieben hatte, und begründete damit die preußische Toleranz.

Bei seinen meist lutherischen Untertanen kam das zunächst nicht gut an: Friedrich Wilhelm hing selbst dem reformierten Bekenntnis an und bevorzugte seine Glaubensbrüder. Doch die inneren Verhältnisse seiner Länder kümmerten Friedrich Wilhelm wenig, schreibt Luh. Die Lebensbedingungen zu verbessern, sei ihm lästig gewesen. Über das Innenleben Brandenburg-Preußens hätte man gerne mehr erfahren, insbesondere über die Besitzungen im Westen. Doch die Grafschaft Mark, seit 1609 brandenburgisch, kommt bei Luh über Randnotizen leider nicht hinaus.

Jürgen Luh: Der Große Kurfürst. Sein Leben neu betrachtet. München, Siedler-Verlag. 336 S., 25 Euro

Quelle: wa.de

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