Jérome Bels „Disabled Theater“ bei der Ruhrtriennale

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Eine wahre Dancing Queen gibt alles beim „Disabled Theater“ bei der Ruhrtriennale. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ ESSEN–Zögerlich erhebt sich Lorraine. Die untersetzte Frau im T-Shirt wendet sich erst zur Stuhlreihe, streckt den Arm aus nach Remo, aber der bleibt sitzen. Doch dann gibt sie sich ganz der Musik von Abba hin. Sie dreht sich, beugt sich vor, rüttelt die Schultern, zeigt dann mit dem ausgestreckten Arm zum Himmel wie damals Agnetha oder Frida. Nun strahlt sie, das Publikum ist hingerissen, auch wenn der Schwung sie manchmal aus dem Takt reißt. Ein großer Auftritt, bei dem sie es wirklich ist, die „Dancing Queen“.

Lorraine ist eine aus dem elfköpfigen Ensemble des Zürcher Theaters Hora. Sie alle sind geistig behindert. Und Schauspieler. Bei der Ruhrtriennale führen sie das Stück „Disabled Theater“ des französischen Choreografen Jérome Bel auf. Das kommt zunächst sehr schlicht daher. Bel lässt sich auf der Bühne vertreten. Simone Truong übersetzt die Äußerungen der Darsteller und die Regieanweisungen, denn Lorraine und ihre Mitstreiter sprechen nur Schwyzerdütsch, und Jérome Bel versteht das nicht.

Das Stück kommt sehr einfach daher. Truong trägt Bels Aufträge vor, und die elf führen sie aus. Erst sollen sie nacheinander kommen und eine Minute lang auf der Bühne stehen. Schon da entwickelt sich eine Dynamik: Einerseits wird das Publikum mit diesen Menschen konfrontiert, muss das Ausstellen der Person aushalten. Andererseits interpretieren sie die Dauer sehr eigenwillig. Matthias macht gleich wieder kehrt. Peter hingegen steht stoisch da und grimassiert und steht. Bis Truong sagt: „Danke, Peter!“

Macht Bel die Darsteller hier zu Ausstellungsstücken, deren Defizite das Publikum begafft? Damian erzählt, dass seine Eltern den Abend als Freakshow wahrgenommen haben, „aber es hat ihnen gefallen“. Die Behinderten wahren hier ihre Würde, weil sie eben auch alles selbst zur Sprache bringen, selbst die Bedenken und Einwände, die man haben kann. Miranda sagt: „Mein Job im Stück ist, ich selbst zu sein.“ Vielleicht bedienen die Behinderten bloß die Vorurteile der sogenannten Normalen, um sie im nächsten Moment zu überrumpeln. Damian sagt, dass er das Down-Syndrom habe, erklärt, dass die Krankheit nach Doktor Down benannt ist, der sie entdeckt hat. Dann ruft er auftrumpfend: „Das heißt, dass ich ein Chromosom mehr habe als ihr im Publikum.“

Das Stück verbirgt unter seiner vermeintlichen Einfachheit Tiefen. Nach mehreren Vorstellungsrunden sollen die Schauspieler jeder ein Solo tanzen, das sie zu einem Musikstück eigener Wahl gestalten. Und es imponiert ungemein, was Remo zum Technobeat alles mit dem Stuhl anstellt oder wie Sara mit dem Schleier tanzt. Alle Zuschauer sind mitgerissen davon, wie Julia sich die Posen und Schwünge von Michael Jackson aneignet, wie sie sich in Drehungen und Schwüngen verausgabt. Aber ist der Titel „They Don‘t Care About Us“ wirklich ihre zufällige Wahl? Oder hat da nicht doch der Choreograf die Botschaft eingeschmuggelt, dass sich keiner für „uns“ interessiert? Hinterher klagt Julia, sie hätte lieber Justin Bieber ausgesucht – und bekommt auch gleich einen Song, bei dem sie mitsingt.

Doch, sie spielen hier, sie gestalten, und sind nicht einfach den Blicken ausgesetzt. Peter zum Beispiel unterläuft alle Anweisungen. Seine Äußerungen haben nichts mit den Fragen zu tun. Theaterspielen macht er vor, indem er umständlich seine Schnürsenkel auf- und wieder zubindet. Kann er nicht anders? Oder zeigt sich hier ein besonders anarchischer Clown?

Bel und seine Darsteller setzen feine Brüche und Irritationen ein. Gianni kräht ins Mikrophon: „Ich will das Publikum zum Lachen bringen.“ Und prustet dann ein Pups-Geräusch ins Mikrophon. Er selbst lacht zuerst, aber nicht allein.

Ein unterhaltsames Lehrstück über das Theater, Behinderungen und Tanz: Disabled Theater im PACT Zollverein, Essen. 25.8. (Restkarten),

Tel. 0700 / 2002 3456, http://www.ruhrtriennale.de

Eine eigene Version vom 12.–16.9 auf der documenta Kassel, http://www.documenta.de

Quelle: wa.de

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