Joseph Roths „Hiob“ am Grillo Theater Essen

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Der behinderte Sohn (Johann David Talinski) wird abschätzig von Mendel (Tom GerberI) betrachtet. Im Hintergrund BettinaJos Schmidt als Deborah am Grillo Theater Essen. ▪

Von Achim Lettmann ▪ ESSEN–Der große Mann trägt einen schwarzen Hut, einen weiten Mantel und seine Überzeugung vor sich her. Mendel Singer ist jüdischer Dorflehrer, lebt gottesfürchtig und bescheiden. „Niemand“ passe zwischen ihn und Gott, so beschwört er seinen Glauben. Das hört sich im Grillo Theater Essen apodiktisch an, wie ein Naturgesetz.

Der Schriftsteller Joseph Roth zeigt in seinem Roman „Hiob“ (1930), dass Mendel Opfer kulturpolitischer Umwälzungen des 20. Jahrhunderts wird. Russisches Zarentum, amerikanischer Kapitalismus oder jüdische Armut in Galizien? Angelehnt ans biblische Beispiel muss Mendel Schicksalsschläge aushalten, bis ihm in einem märchenhaften Finale belegt wird, wie allmächtig Gott ist und wie kleinmütig der Mensch bleiben muss. Diese Prüfung hat Regisseur Wolfgang Engel ganz ambivalent inszeniert. Einmal lässt er Roths Figuren die Not der Ostjuden verstrahlen, so mühevoll rangeln sie ums Dasein in abgewetzten Klamotten. Zum anderen bewegen sie sich zwischen halbhohen weißen Wänden, die immer dann bestiegen werden, wenn sie den Sitten- und Moralkodex übergehen. Auf einer breiten Schräge hat Andreas Jander (Bühne) das Lebenslabyrinths zu einer aseptischen Installation abstrahiert, die die Figuren seltsam vereinzelt. Die Familienbande sind nicht zu spüren, Liebe, Empfindungen und Glauben haben es hier schwer. Allen voran fehlt Tom Gerber, der den Mendel spielt, ein Gefühlsspektrum, das die Extreme der Figur glaubwürdig macht. So taff er sich bei manchen Lebenseinsichten auch gibt, sie wirken blutleer. Dass jemand aus Überzeugung etwas zu sagen hat, bleibt im Gestus stecken. Selbst die jiddische Selbstironie will nicht zünden, wenn Mendel vom ehelichen Wärmeverlust zu seiner Frau spricht.

Nach Roths Roman hat Keon Tachelt eine Theaterfassung geschrieben, die zu oft als Textfläche in Essen aufgesagt wird. Regisseur Engel lässt seine Figuren monologisieren, Roths Ton trifft er nicht. Ob Schemarjah nach Amerika flieht, um Geschäftsmann zu werden, oder Jonas zu den Russen geht, um als Soldat und Bauer zu leben, Jens Ochlast und Tobias Roth hören sich wie Lautsprecher an. Warum wirken ihre Absichten so spröde? Ist alles durch die skeptische Brille des Vaters erzählt?

Annika Martens gibt das mannstolle Weib Mirjam, Mendels Tochter, die sich mit blankem Busen vom Kosaken über die weißen Sockelwände jagen lässt. Das wirkt überzogen. Regisseur Engel fehlt die Abstimmung. Mal provoziert er, wenn der splitternackte Johann David Talinski bei einem epileptischen Anfall erstarrt und dann als Kleinkind Menuchim in den Kinderwagen bugsiert wird. Mal muss Mendel ausrasten und mit dem Ledergürtel nach seinen Kindern schlagen – wieder geht‘s übers weiße Designerlabyrinth.

Ganz bewegend ist der Moment, als Schüler einer Essener Grundschule in Mendels Bibelstunde Platz nehmen. Sie wirken einfach authentisch.

Bettina Schmidt kann als Frau Singer überzeugen, weil ihr Lebensmut immer von Hoffnungen getragen ist. Ob sie sich Menuchim liebevoll zuwendet oder die letzten Rubel für Schemarjah gibt, sie bewegt.

Auch das Amerika am Essener Grillo Theater ist bis auf zwei flackernde Videoillusionen vom Times Square nur das weiße Labyrinth geblieben. Hier geht nicht mal das rührselige Ende auf, das Regisseur Engel ganz lang und theatralisch anlegt. Menuchim erscheint in Lackschuhen, verrätselt erstmal seine Herkunft und lässt dann ein Klezmer-Orchester wilde Musik spielen. Mendel registriert die Genesung des Sohnes und stirbt. Dramaturgisch ist dieser Musikeinsatz zu dicke aufgetragen und ein Knallbonbon – leider nicht mehr.

26. Oktober, 1., 4., 14., 24. November; Tel. 0201 / 81 22200; http://www.schauspiel-essen.de

Quelle: wa.de

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