„Die unsichtbare Skulptur“

Joseph Beuys und das Ruhrgebiet wird auf Zollverein thematisiert

„Kunst ist, wenn man trotzdem lacht“: Joseph Beuys besuchte den FIU Kongress in Gelsenkirchen 1979.
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„Kunst ist, wenn man trotzdem lacht“: Joseph Beuys besuchte den FIU Kongress in Gelsenkirchen 1979. Das Foto gehört zur Ausstellung „Die unsichtbare Skulptur“ in Essen.

Wie Joseph Beuys ins Ruhrgebiet kam, ist Teil der Ausstellung „Die unsichtbare Skulptur“ auf dem Kultur-Welterbe Zollverein ein Essen.

Essen – Joseph Beuys war auch im Ruhrgebiet. Geboren 1921 in Krefeld, aufgewachsen in Kleve am Niederrhein, gelebt und gelehrt in Düsseldorf, mehrfach vertreten auf Kassels documenta, in New York, Neapel, München, Hamburg – ein internationaler Star der Kunst. Was machte er im Ruhrgebiet?

Auf dem Gelände des Unesco-Weltkulturerbes Zollverein in Essen ist die Ausstellung „Die Unsichtbare Skulptur. Der erweiterte Kunstbegriff von Joseph Beuys“ zu sehen. Es werden 250 Objekte, Multiples, Filme und Dokumente präsentiert und daran erinnert, wie der Jahrhundertkünstler ins Revier kam. Noch ein Mythos zum Schamanen? Nein. Theo Grütter, Leiter der Ausstellung und Direktor des Ruhr Museums, kann auf bisher nie gezeigte Dokumente aus Gelsenkirchen und Essen zurückgreifen, die Zeitgeschichte spürbar machen. Der Mann mit dem Filzhut sprach 1979 beim Kongress der Freien Internationalen Universität (F.I.U.) in Gelsenkirchen und schrieb an die Tafel, „Kunst ist, wenn man trotzdem lacht“. Das Foto von Mathias Jacobs fängt die Begegnung mit Beuys ein: stimmungsvoll, spontan, ungezwungen, anarchisch.

Getragen wird die Ausstellung auch von Wegbegleitern Beuys’ wie Johannes Stüttgen, Meisterschüler und Aktivist für Direkte Demokratie („Beuys hat die Kunst in eine neue Position gerückt“) und Joachim Weber, Organisator der F.I.U./Fluxus Zone West in Gelsenkirchen.

Das Ruhrgebiet war für Beuys ein Faszinosum. „Im Land der 1000 Feuer“ lag Steinkohle, eine materialisierte Form von Energie. „Energiespeicher und Wärmeströme waren das zentrale Thema im Beuys’schen Werk“, sagt Theo Grütter, „nun werde auf Zollverein kulturelle Energie freigesetzt“. Mit Ringgesprächen will Johannes Stüttgen an alte Zeiten anknüpfen – immer dienstags 18 Uhr, mit Abstand versteht sich.

Beuys’ Mutter hatte Verwandtschaft in Gelsenkirchen, und Beuys’ Freund Franz Joseph van der Grinten war Kunsterzieher am städtischen Grillo-Gymnasium. Hier hielt Beuys einen Vortrag und sprach erstmals im Juli 1966 seinen Kernsatz: „Jeder Mensch ist seiner Natur nach ein Künstler.“ Biograf Heiner Stachelhaus berichtete in den „Ruhrnachrichten“ über den anthropologischen Kunstbegriff – der Mensch im Mittelpunkt.

Als van der Grinten die verrußte Luft im Revier nicht mehr aushielt, übernahm Johannes Stüttgen 1971 den Lehrerposten in Gelsenkirchen. In einer Barracke auf dem Schulgelände rief er die „Freie Arbeitsgemeinschaft Kunst“ aus – nicht nur für seine Schüler. Stüttgens war 1976 von einem Kunstbegriff überzeugt, „der an der Kreativität jedes einzelnen interessiert ist und deshalb permanente Konfrontation und permanente Gespräche sucht.“ Seine AG wurde ins Kunstmuseum Gelsenkirchen eingeladen. „Fluxus Zone West“, so der Ausstellungstitel, stand für ein neues Selbstverständnis. Initiativen, Musik- und Theatergruppen gründeten sich, wie das „Küchentheater“, das auch im Schauspielhaus Bochum auftrat. Grell kostümiert improvisierten vier Schülerinnen emanzipatorische Spielszenen zu Musik aus dem Cassettenrecorder („Frauen für Frauen“). Oder das „Tausendfeuer Duo“, das in Gelsenkirchen das F.I.U.-Büro führte und 1977 unter Beuys’ Honigpumpe in Kassel auftrat. Gern erschien das Duo in kernigen Ringeranzügen und stemmte einen Hinkelstein, der die Emissionen im Ruhrgebiet symbolisierte. Zur documenta 6 hatte Beuys auch die Kunst AG/Fluxus Zone West eingeladen und ernannte sie zur Zweigstelle der F.I.U. in Kassel. 1981 folgte die Gründung einer weiteren Zweigstelle in Essen, die zum Programm der „7000 Eichen“ auf der documenta 7 in Kassel beitrug. Fotografien, Plakate und Materialien dokumentieren diese Zeit in der Halle 8 auf Zollverein. Das Ruhrgebiet wurde mehr und mehr zum kulturellen Handlungsraum.

Beuys hatte die F.I.U. als dezentrale Bildungseinrichtung 1973 gegründet, weil ihn Wissenschaftsminister Johannes Rau 1972 aus der Kunstakademie in Düsseldorf entlassen hatte. Professor Beuys wollte Kunststudenten aufnehmen, die das Sekretariat abgelehnt hatte.

Vor allem die F.I.U. Gelsenkirchen mit Joachim Weber war dabei, als Beuys half, die Partei der Grünen zu gründen: Plakate, Transparente, Demos, Sitzungen. Neben Petra Kelly war Beuys für die Europawahl 1979 aufgestellt worden. Sie kamen nicht über die Fünf-Prozent-Hürde.

In der oberen Etage der Halle 8 sind Exponate zu Beuys zentralen Themen zu sehen. Neben Bildung für alle war der Kampf für Direkte Demokratie ein Motiv des Künstlers, die Partei der Grünen mitzugründen, obwohl er jahrelang den Parteienstaat bekämpft hatte. In Essen sind Plakate von Andy Warhol zu sehen, der die Grünen unterstützte. Die Künstler schätzten sich, ein Foto zeigt beide 1980 im Lenbachhaus in München. „Andy Warhol für die Grünen“ steht auf den Plakaten. 6000 wurden gedruckt. Beuys erhielt von den Grünen 1983 keinen sicheren Landeslistenplatz. Die Partei zog in den Bundestag – ohne ihn.

Neben den 70er-Jahre-Themen Anti-Atomkraft und der Friedensbewegung war für Beuys die Verbindung Mensch und Natur substanziell. 1977 sagte er, die Natur unserer Erde droht, „restlos zerstört zu werden“. Zur Aktion „7000 Eichen“ ist ein Zertifikat ausgestellt. Es bestätigt, dass der Künstler Nägeli im September 1984 einen Baum für das Projekt gespendet hatte. Ein Foto zeigt Beuys mit dem Hasen 1982, den er aus der Kopie der goldenen Zarenkrone Iwans IV gegossen hatte. Der „Friedenshase mit Zubehör“ brachte 400 000 DM ein, Geld für Bäume, die in Kassel an Stellen gepflanzt wurden, wo vor allem Beton den Lebensraum der Menschen dominierte. Daneben erinnern Unterlagen zum Hamburger „Spülfeld“-Projekt, wie Beuys 1984 versuchte, mithilfe von Pflanzen den Schlamm, der bei der Hafenerweiterung aufgeworfen worden war, teilweise zu entgiften. Oberbürgermeister Klaus von Dohnanyi wies seine Kultursenatorin, die Beuys eingeladen hatte, am 4.3.1985 an, das Projekt zu untersagen – „an welcher Stelle auch immer“. Der Brief ist ausgestellt, wie Beuys-Skizzen und ein Notizbuch von Stüttgen („Cadmium“).

Beuys ist in Essen auch als Bildhauer zu sehen, weil er die Relikte von Aktionen und Performances neu arrangierte. Wie das Seil und die Handschuhe aus dem „Boxkampf für Direkte Demokratie“, als er auf der documenta 1972 gegen Abraham David Christian, der den Parteienstaat vertrat, boxte und gewann.

Unter die Holztafeln „Dürer, ich führe persönlich Baader + Meinhof durch die documenta 5. J. Beuys“ stellte Beuys jeweils einen Filzpantoffel. Die Tafeln hatte der Fluxuskünstler Thomas Peiter mit einer Gruppe von Protestlern 1972 durchs Fridericianum in Kassel getragen. Nach der documenta 5 nutzte Beuys die Aktionsrelikte, der Spruch kam ja von ihm.

Bis 26.9.; 10 – 18 Uhr, Tel. 0201/246810; Katalog im Wienand Verlag 29,80 Euro. www.zollverein.de/beuys. In NRW öffnen zu Pfingsten viele Museen. Die Bedingungen für einen Besuch stehen auf den Websites.

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