Josef Albers‘ „Malerei auf Papier“ in Bottrop

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Impulsiv gemalt und notiert: Zwei Farbstudien von Josef Albers zu „Homage to the Square“, zu sehen in Bottrop. ▪ Bild-Kunst, Bonn

Von Achim Lettmann ▪ BOTTROP–„Ich liebe es, eine sehr arme Farbe reich zu machen, schön werden zu lassen durch ihre Nachbarfarben“, sagte Josef Albers. Solche Studien haben den gebürtigen Bottroper, der ab 1923 am Bauhaus in Weimar unterrichtete, Anfang der 30er Jahre bewegt. Er erprobte Farbe für Farbe, Pinselstrich für Pinselstrich. Was ist mit dem Rot neben Blau? Heller, dunkler – weiter, näher? Eine Ausstellung im Bottroper Museum Quadrat dokumentiert die malerischen Erkundungen des modernen Künstlers mit Farbe an sich: „Malerei auf Papier. Josef Albers in Amerika.“

Hinter dem schlichten Titel verbirgt sich ein Kernstück der Moderne: die Vereinfachung des malerischen Prozesses. Albers versuchte, die Wirkung von Farbe zu erkennen und das Verhalten von Farben zueinander zu bestimmen. Dabei entfernte er sich vom tradierten Geniegedanken, reduzierte die Bildstruktur auf einen kompositorischen Automatismus und trug die Farbe mit einem Spachtel auf Hartfaserplatten – von innen nach außen. Seine Serien „Homage to the Square“ (ab 1950), eine Folge von farbigen Quadraten, machten ihn interessant für amerikanische Künstler und Minimalisten wie Agnes Martin, Donald Judd, Ad Reinhardt und Erika Hesse.

Josef Albers war mit seiner Frau Anni, einer Textilkünstlerin, 1933 in die USA gegangen. Das Bauhaus, die Schule der Moderne, hatte unter dem Druck der Nazis geschlossen. Am neuen Black Mountain College in North Carolina rückte der Kunstkurs ins Zentrum eines ganzheitlichen Lehransatzes. Albers übernahm die künstlerische Ausbildung („I want to open eyes“). Seine Frau unterrichtete ebenfalls. Die Albers ließen sich auf Amerika ein. Der Kunstlehrer, der Werkstoffkunde am Bauhaus unterrichtet hatte, war bereits 45 Jahre alt. Aber ihn interessierte die neue Welt, und er entdeckte die Farbe. Ab 1935 reisten die Albers allein 13mal nach Mexiko. Josef Albers erprobte fortan Kompositionen, in denen er Farben in Felder platzierte. Die Bildstruktur erinnert an geometrische Körper wie Trapez und Parallelogramm. Inspiriert sind die Studien, die in Bottrop zu sehen sind, von präkolumbianischer Kultur.

Vor allem war Albers von den Farben in Mexiko begeistert. Türkis und Himmelblau kombinierte er mit Braunrot, Ocker und Violett zu einer Landschaftsabstraktion auf Papier (um 1940). Er ordnete Häuser, Meer und Horizont in einer Folge von Farbbalken und ist damit einfach bestechend. Die Farbwerte, die Albers setzte, waren in der klassischen Moderne Europas so nicht bekannt.

Bevor sich Albers für seine typischen Quadratbilder entschied, erprobte er Farben in einer Rechteckstruktur, die auf Architekturen in Mexiko zurückzuführen sind. Adobe nennt man einfache Flachdachhäuser, deren Front von Tür und Fenster bestimmt wird. Auch die Lehmziegel, aus denen sie gebaut wurden, heißen Adobe. Auf einigen Papierarbeiten in Bottrop sind zwei Zentren (Tür, Fenster) zu sehen, um die Albers mehrere Töne einer Farbe und ihre Nachbarschaft zu anderen Farben versucht („Studie zu Variant/Adobe (I)“, um 1947). Zu einer Reihe von Grüntönen schrieb er: „Die Grüns sind missgünstig aufeinander.“ Tatsächlich zeigt ein Bildbeispiel in Bottrop, das kein Grün zum anderen passen will.

Albers ging akribisch vor. Er nahm saugfähiges Papier, um der Ölfarbe ein wenig an Glanz zu nehmen. Dann trug er Farben aus der Natur und von den Adobe-Häusern auf. Selbst auf Papierschnipseln arbeitete er weiter und notierte seine Erkenntnisse sogar in die Farben hinein. Dieses Vorgehen belegt für Heinz Liesbrock, Direktor des Museums Quadrat, woher das „stille malerische Feuer“ kommt, das die Gemälde „Homage to the Square“ bereits vermittelten. Albers Spontaneität und Intensität werden vor allem auf Papier deutlich. Bisher wurde aufgrund von den Serien auf Hartfaserplatte geschlussfolgert, dass Albers ein eher handwerkliches Verhältnis zur Farbe auszeichnete. Diese Einschätzung ist nicht mehr haltbar. Für Heinz Liesbrock ist Albers ein großer Maler.

Die meisten Papierarbeiten besitzt die Anni und Josef Albers Foundation (Bethany/USA). 71 Blätter davon sind in Bottrop zu sehen. Außerdem kommen neun Exponate aus dem Museum Quadrat dazu. Das Haus hatte 25 Arbeiten vor geraumer Zeit für einen hohen sechsstelligen Betrag erworben. Ergänzt wird die Schau „Malerei auf Papier“ von den Bildern „Homage to the Square“ aus der eigenen Sammlung. Insgesamt sind über 100 Bilder in Bottrop ausgestellt.

Dass dieser Prozess im Schaffen Albers‘ gezeigt wird, ist eine kleine Sensation. „Bisher hat niemand die Bilder entdeckt und zeigen wollen“, sagte Heinz Liesbrock. Albers hatte die Studien sorgfältig aufbewahrt. Nur einzelne Blätter verschenkte er oder überließ sie seinen Galeristen. Bottrop hat zusammen mit der Staatlichen Graphischen Sammlung in München das Gemeinschaftsprojekt entwickelt, das noch in New York, Kopenhagen, Paris, Basel und Lissabon Station machen wird. Der Auftakt fand in München statt, wo Albers 1919/20 studierte.

Josef Albers wollte die persönliche Entscheidung in der Kunst reduzieren. Er hat gleichzeitig das Phänomen der Farben dokumentiert, das für ihn das relativste Medium in der Kunst an sich wurde: „Ein nie endendes Excitement.“

Die Schau

Ein Blick in die Studierstube der Moderne: feine kleinformatige Farbarbeiten eines international geschätzten Lehrers und Malers.

Malerei auf Papier. Josef Albers in Amerika im Museum Quadrat Bottrop.

Bis 19. Juni; di-sa 11 bis 17 Uhr, so 10 bis 17 Uhr; Katalog, Verlag Hatje Cantz, Ostfildern, 32 Euro. Tel. 02041/29716

http://www.bottrop.de/mq

Quelle: wa.de

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