Jonathan Steinberg schreibt über Otto von Bismarck – Biografie: „Magier der Macht“

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In Uniform und Pickelhaube: Otto von Bismarck (1815-1989). ▪

Von Elisabeth Elling ▪ Wie ein Uhrmacher justierte er die sensible Mechanik der Außenpolitik. Mit Schaum vorm Mund berserkerte er gegen die üblichen Verdächtigen: Sozialisten, Liberale, Katholiken. Otto von Bismarck (1815-1898) begeistert und befremdet seinen Biografen Jonathan Steinberg. Dem US-Historiker ist ein ungewöhnlich ansprechendes Lebensbild geglückt.

Steinberg will erklären, wie Bismarck der einflussreichste Politiker in Berlin werden und so lange bleiben konnte. Dabei schiebt er die Instrumente der historischen Schulen beiseite, die den Zeitläuften in Strukturen und Zahlen nachgehen. Er las ganz klassisch Quellen, Amtliches und Privates, Aktenprotokolle und Zeitungsartikel, Briefe, Tratsch und Tagebücher. Die Fülle verdankt er dem Internet.

Steinberg verarbeitet all das zu einer erhellenden und urteilsfreudigen Darstellung. Sie steht äußerst elegant neben den Werken seiner beiden großen Vorgänger Lothar Gall („Der weiße Revolutionär“, 1980) und Ernst Engelberg („Bismarck“ 1985/90). Dabei ist der Begriff des „souveränen Selbst“, mit dem Steinberg die Machtfrage beantwortet, zu lappig: Er wird seinen präzisen Schilderungen von Bismarcks Charakter und Denkweisen nicht gerecht. Das gilt mehr noch für den missglückten Untertitel, der Bismarck als „Magier der Macht“ etikettiert.

Steinberg neigt nicht zur Dämonisierung. Teilnahmsvoll, aber kühl und zuweilen ironisch analysiert er Manieren und Marotten. Wie Bismarck etwa 1838 eine Armverletzung vortäuscht, um sich vorm Militär zu drücken – und später am liebsten Uniform trägt, zum Verdruss der preußischen Generäle.

Gut vierzig Jahre lang ist Bismarck der wichtigste Politiker Berlins. Mit 35 Jahren macht ihn der König zum Gesandten am Deutschen Bundestag, mit 47 zum Ministerpräsidenten und 1871 zum Reichskanzler. 1890 nimmt er zähneknirschend seinen Abschied. Er stützt sich auf keine Partei oder Institution, sondern allein auf den jeweiligen Monarchen, auf Wilhelm I., Friedrich III., Wilhelm II. Steinberg formuliert griffig: „Otto von Bismarck hat Deutschland geschaffen, war aber nie sein Herrscher.“ Bismarcks aufreibendes Verhältnis zum preußischen König und späteren deutschen Kaiser Wilhelm I. malt Steinberg als Psychodrama aus. Immer wieder zwingt Bismarck ihm seinen Willen auf und lechzt gleichzeitig nach königlichem Wohlwollen. Wird es ihm entzogen, wird Bismarck krank – ein Hypochonder.

Die Folgen seines autokratischen Regierens schätzt Steinberg gravierender ein: Er zieht eine Linie zu Hindenburg und Hitler. Damit gesellt er sich in einer langwierigen Historikerdebatte zu den Anhängern der „Sonderweg“-These. Sie sehen die preußisch-deutschen Eliten lange in antidemokratischen Denkmustern verharrend  – länger jedenfalls als Franzosen und Briten.

Steinberg gelingen plastische Nahsichten voller Widersprüche. Er zeigt einen charmanten Plauderer und feinsinnigen Briefeschreiber. Und einen Vater, der seine drei Kinder im Grunde verachtet, einen rabiaten Vorgesetzten, der treue Mitarbeiter demütigt. Verantwortung übernimmt er nie, Fehler machen die Anderen. Die Korrespondenz mit Gattin Johanna von Puttkammer, die vor einigen Jahren Bismarck-Verehrer anrührte, sortiert Steinberg nüchtern ein: Die Beziehung des Paars sei „im Kern leer“ gewesen. Die Ehefrau habe Bismarcks Leben am Puls der Macht gar nicht geteilt.

Die Außenpolitik bilanziert Steinberg positiv. Er würdigt die Weitsicht, mit der Bismarck das neue Deutschland ins europäische Mächtegefüge einbaute. Die Fehler, die 1914 zum Krieg führten, vor allem der Bruch mit Russland, machten hier in der Tat Andere.

Allerdings sei es weniger um Frieden gegangen als um stabile Verhältnisse im Reich und „seine eigene Zufriedenheit“, so Steinberg. Diesen Egoismus hält er für einen Wesenszug Bismarcks, der jeden nach seiner Nützlichkeit bewertete – mit Ausnahme Wilhelms I. Eine weiterer Sonderfall war sein Respekt für den schillernden Sozialdemokraten Ferdinand Lassalle. Seinem Naturell entsprach eher der Hass, den er unter anderem gegen den katholischen Politiker Ludwig Windthorst hegte, auch gegen Wilhelms Gattin Augusta und ihre Schwiegertochter Victoria.

Jonathan Steinberg: Bismarck. Magier der Macht. Propyläen Verlag. 752 S., 29,90 Euro

Quelle: wa.de

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