Jonathan Lethems Roman „Der Garten der Dissidenten“

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Jonathan Lethem

Von Ralf Stiftel Am Anfang steht ein Schauprozess, als müsste Rose Zimmer ihre Sünden gegen die Lehre der Partei im Moskau der 1930er Jahre büßen. Aber Jonathan Lethems Roman „Der Garten der Dissidenten“ spielt in New York. Und Rose hat gefehlt, weil sie „einen schwarzen Cop gefickt“ hat. 1955, mitten in der Hochzeit der McCarthy-Ära, gibt es im Herzen des Big Apple eine kommunistische Gemeinschaft, die ihre Spießermoral ziemlich rigide durchsetzt.

Den Ausschuss, der sie ausschließt, schildert Lethem durch Roses Augen. Die Frau lässt sich den Schneid nicht abkaufen. Sie wird immer wieder die Richtung wechseln. Aber sie bleibt im Viertel Sunnyside Gardens eine Instanz. Die Dissidenten im Titel versteht Lethem als Abweichler des Westens. Der New Yorker Autor, 1964 geboren, erzählt, von der eigenen Familiengeschichte inspiriert, eine Chronik über Generationen, von der Kommunistin Rose bis zu ihrem Enkel Sergius, der in den Bann der Occupy-Bewegung gerät, von den 1930er bis in die 2010er Jahre.

Europäische Leser denken bei solchen Sippengeschichten an Thomas Manns „Buddenbrooks“. Lethem selbst legt zusätzlich eine Fährte, wenn er Rose und ihren Mann Albert, deutsche Juden, aus Lübeck kommen lässt. Alberts Mutter hat noch mit Mann geplaudert. Aber Lethem hat eben kein amerikanisch-kommunistisches Gegenstück zum deutschen Klassiker geliefert. Familie Zimmer hat nie den Status einer Dynastie und kann darum keinen Niedergang erleben. Die Mann’sche Erzählkunst ist nur ein Element in einem komplexen, aus vielen Quellen schöpfenden Epos.

Albert und Rose emigrieren, fliehen vor den Nazis in die USA. Rose entwickelt sich zu einer Matriarchin des Viertels. Albert kehrt zurück – in die DDR, wo er zum kommunistischen Spion wird. Seinen Lebensweg schildern Briefe an seine Tochter, die in einer Stasi-Akte hängen blieben. Roses Affäre mit dem schwarzen Polizisten Douglas Lookins zeugt von ihrem Eigensinn, weil sie mehrere Grenzen überschreitet, indem die Jüdin es mit dem Neger treibt, oder die Kommunistensau mit dem Bullen, wie Lethem es formuliert. Rose erlebt Enttäuschungen, und der seltsame Parteiausschluss ist nicht die größte. Als ihre Tochter Miriam anfängt, eigene Wege zu gehen, da gibt es eine grandiose Szene in der Küche, einen kurzen verzweifelten Mordversuch der Mutter an der Tochter mit Hilfe des Gasherds – ein beunruhigender Kurzschluss zu den Gaskammers der Nazis.

Lethem erzählt aus wechselnden Perspektiven. Miriam wird den irischstämmigen Folksänger Tommy Gogan heiraten. Ihre Version von Dissidenz ist die Hippiebewegung der Flower Power Ära. Auch sie gehen weg, lassen ihren Sohn zurück, um im revolutionär erschütterten Nicaragua die Welt zu verbessern. Stattdessen sterben sie dort. Dann gibt es den Sohn von Douglas Lookins, Cicero, „schwule schwarze Schwabbelwampe“, den brillanten Hochschullehrer, der sich am Ende um Rose kümmern wird. Es gibt Miriams Cousin Lenin, genannt Lenny, den Schachspieler, Münz-Experten (ein Kommunist als Geld-Experte) und scheiternden Initiator eines proletarischen Baseball-Teams. Und es gibt Sergius, den von Quäkern zum Pazifismus erzogenen Enkel, der ein Computerspiel einfach uminterpretiert und, statt gegnerische Flugzeuge abzuballern, ein Meister im Ausweichen wird.

So unterschiedlich die Figuren dieses wunderbar farbenreichen Romans ausfallen, sie alle bewegen sich neben dem Hauptstrom der Gesellschaft. Lethem, einer der wichtigsten Autoren seiner Generation, zeigt an ihnen einen alternativen Wertekanon zum American Way of Life. Sergius stößt in einem packenden Finale mit der Staatsmacht zusammen. Da ist die Kommunistenfurcht längst zur Antiterror-Hysterie fortgeschritten. Und Lethem vermittelt in einer unvergleichlichen Pointe, wie sehr elementare und spontane Gesten wie ein kurzer heftiger Geschlechtsakt auf einer Flughafentoilette einen harmlosen jungen Mann in einen „Rückwärtsreisenden“ verwandelt, in einen Fremden in einer durchkontrollierten Welt, in der Abweichung schuldig macht.

Jonathan Lethem: Der Garten der Dissidenten. Deutsch von Ulrich Blumenbach. Tropen Verlag bei Klett Cotta, Stuttgart. 476 S., 24,95 Euro

Quelle: wa.de

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