John Malkovich in „The Giacomo Variations“ bei den Ruhrfestspielen

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Letzte Ruhe: Casanova (John Malkovich) und Isabella (Ingeborga Dapkunaite) in „The Giacomo Variations“. ▪

Von Edda Breski ▪ RECKLINGHAUSEN–Das, was dieser Mann sucht, ist unter den Röcken der Frauen zu finden. Vielleicht. Zwischen grandios berüschten Rokokokostümen geht er herum, seine Worte zittern vor Begierde und Verzweiflung: Er braucht eine Frau.

„I need a woman“, sagt John Malkovich; mit diesem Satz beginnt er seine Rolle des Frauenhelden Casanova. Mit der Deutschlandpremiere des Stücks „The Giacomo Variations“ wurden die Ruhrfestspiele in Recklinghausen eröffnet. Der Hollywoodstar und Charakterdarsteller war wie im vergangenen Jahr mit einer Produktion von Regisseur Michael Sturminger und Dirigent Martin Haselböck zu sehen. Damals glänzte er als Serienkiller Jack Unterweger. In der Kammeroper über den großen Liebhaber verblendet der 57-Jährige Bühnenpräsenz und Rolle bis an den Punkt, an dem die Unterscheidung schwer fällt, in einer Schwebetechnik zwischen Sein und Spiel. Als Casanova ist Malkovich ein Eitler, ein Schriftsteller seiner Selbst; ein Liebender, aber auch ein Angeekelter, Lebensmüder. Wie passend, dass er noch bevor das Spiel richtig begonnen hat, erst mal umfällt und mit Mozart wiederbelebt werden muss.

Das kongeniale Duo Sturminger/Haselböck konfiguriert Casanovas Leben aus seinen Memoiren und Mozarts Da Ponte-Opern. In fröhlicher Schizophrenie teilt sich Malkovich seine Rolle mit einem Sänger – am Premierenabend der Bariton Andrei Bondarenko, der mit schmeichelweichem Ton umgarnt und umstrickt. Auch Malkovich singt, mit einer brüchigen Tenorstimme. Isabella ist seine Gegenspielerin, die letzte Frau, verkörpert von Ingeborga Dapkunaite und gespiegelt von der Sängerin Sophie Klußmann, die bravourös von einem Fach ins andere wechselt, Cherubinos „Non so più“ voll bebender Leidenschaft singt, die Rosenarie aus dem „Figaro“ und „Porgi amore“ der Gräfin. Ein Kraftakt, den sie wunderbar meistert. Die englischen Dialoge und italienischen Arientexte werden übertitelt.

Für Bühne und Kostüme zeichnen Renate Martin und Andreas Donhauser verantwortlich. Die Frauen funkeln in bestickten Röcken, unter denen gekrabbelt und gefummelt wird. Gigantische Röcke verhüllen auch die wesentlichen Stationen in Casanovas Leben: Bett, Schreibtisch, Ankleidezimmer. Welche Ironie, dass hier kein einziges phallisches Symbol zu sehen ist. Nur Samt und Rüschen.

Haselböck und seine Musiker des Orchesters Wiener Akademie und von Musica Angelica gestalten die Musik als subtilen Kommentar zum Geschehen: die bittersüße Prager Sinfonie, das täuschend plätschernde Wellenmotiv des Terzetts „Weht leiser, ihr Winde“ aus „Cosi fan tutte“. Unaufdringlich legen sie die maliziöse Eloquenz Mozarts frei. Haselböck/Sturminger haben ein wehmütiges Stück gemacht. Darüber täuschen die gut kalkulierten Deftigkeiten nicht hinweg, so ein Kunstpenis im Schritt einer Frau, im Sinne von Mozarts Hosenrollen, und die Krabbeleien in diversen Kleiderfalten. Trotz Malkovich hätte der Abend einige Kürzungen vertragen.

Was bleibt von einem Leben, dessen Hauptziel die Weiberjagd war? Bis zuletzt sucht er Erfüllung in den Frauen: Selbstaufgabe und Erkenntnis zugleich. Wie Malkovich das spielt, den Drang und die Selbstbespiegelung und die Qual, die hinter der Frage liegt: Was bleibt von mir, das ist großartig. Er erfüllt auch die heikelste Stelle, Casanovas Affaire mit seiner Tochter, mit stiller Tragik. Casanova wendet sich der Frau zu, mit einer Ergebenheit, die berührt. Als er nicht mehr kann, als er alt ist und Angst hat, vergewaltigt er ein Dienstmädchen.

Ganz am Ende legt er die Arme um sein Alter Ego, er und Bondarenko singen „Don Giovanni“, die Cavantine aus dem zweiten Akt: „Du, deren Mund süßer ist als Honig...“ Die letzte Schmeichelei.

5., 6.5., 7., 8.5.;

Tel. 0 23 61/92 18 0,

http://www.ruhrfestspiele.de

Quelle: wa.de

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