John Malkovich spielt einen Serienmörder

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Erst kommen flammende Koloraturen, dann wird gewürgt: Die Sopranistin Louise Fribo und der Schauspieler John Malkovich in „The Infernal Comedy“. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ RECKLINGHAUSEN–Leidenschaftlich stimmt die Sopranistin Beethovens Arie „Ah perfido“ an. Der schlacksige Mann, weißbärtig, mit gelichteten Haaren, in Jeansjacke tritt ihr näher. Sie fühlt sich unwohl, weicht aus. Er berührt sie, zieht einen BH aus der Tasche, schlingt ihn um ihren Oberkörper, über das Abendkleid, rückt ihre Brüste darin zurecht, während sie dem „treulosen Verräter“ am Ende doch ihre Liebe bekennt. Der Büstenhalter ist Jack Unterwegers Mordwaffe. Die beiden Sopranistinnen sind immer wieder Opfer, stranguliert von einem unwiderstehlichen Verführer.

Wieder präsentieren die Ruhrfestspiele einen Hollywoodstar in Recklinghausen. John Malkovich spielt den zynisch-charmanten Serienmörder in Michael Sturmingers Stück „The Infernal Comedy – Confessions Of A Serial Killer“ – und es ist ein Erlebnis. Die surreale Geschichte bekommt durch die Wirklichkeit noch einen weiteren Dreh: Die Fluggesellschaft hatte es nicht geschafft, die Kostüme rechtzeitig von Wien nach Westfalen zu schaffen. So spottet Malkovich als Unterweger nicht nur über die unprofessionelle Arbeit seiner Verleger, er richtet nicht nur ein Kompliment an das „glamorous and sunny Recklinghausen, the Woodstock of the Ruhr Valley“, er macht sich auch gleich noch über Air Berlin lustig. So geht es weiter: Der Schauspieler spricht zum Publikum, er macht eine Pause, eine Sopranistin singt eine Oper, er erwürgt sie. Mord und Musik, Drama, Drama, Baby.

Jack Unterweger (1950– 1994) wurde 1974 als Frauenmörder zu lebenslanger Haft verurteilt, begann im Gefängnis zu schreiben. Aufgrund einer Petition von Intellektuellen (darunter die spätere Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek) wurde er 1990 vorzeitig entlassen und begann, als Reporter zu arbeiten. Er benutzte seine Vortragsreisen dazu, weiter zu morden – und ließ sich von der Polizei auf Streifenfahrten durch Rotlichtviertel mitnehmen. Er wurde am Ende wieder verhaftet, brachte sich aber vor der Verurteilung um.

Jack, erklärt Malkovich, das heißt auf deutsch Hans, auf spanisch Juan, auf englisch John. So überblendet der Schauspieler seine Identität mit der des Mörders. Im Stück erleben wir den Toten als Vortragenden. Er verspricht Wahrheit. Was aber ist Wahrheit? Der Bühnen-Unterweger erweist sich als großer Verführer, dem keine Frau widerstehen kann. Am Ende fallen die unglücklichen, schönen Sängerinnen doch in seine Arme und bekommen den tödlichen BH um den Hals.

Noch mehr aber verführt Jack/John die Zuschauer, indem er ihnen nah rückt, sie umschmeichelt, sie schwindlig redet. „Wie lange ist es her“, fragt er ins Publikum, „dass Sie das Liebe machen genossen?“ Der Mann reißt die Schutzmauern der Intimität nieder. Viele Frauen sehnten sich nach Liebe, und oft, behauptet er, wollten sie dieses Begehren mit ihm teilen. Später gibt er den Männern noch Ratschläge, wie ein Therapeut: „Seien Sie treu und ehrlich zu Ihrer Geliebten!“ Da hat er sich schon ins Vertrauen der Zuhörer geschlichen, und das obwohl er immer wieder auf offener Bühne mordet. Solche Verbrechen scheinen ein starkes Aphrodisiakum zu sein. Die Reizwirkung seiner Taten spricht Jack mehrfach an. Der moderne Voyeurismus, das Niederreißen von moralischen Grenzen – er legt die Skrupellosigkeit bloß.

Malkovich gelingt grandios der beiläufige Ton von Improvisation. Dabei folgt der Abend einem strengen Ablauf. Die Sängerinnen Marie Arnet und Louise Fribo sowie das Kammerorchester Wiener Akademie unter Leitung von Martin Haselböck bieten nicht nur feine Interpretationen der Arien und Instrumentalstücke von Mozart, Boccherini und anderen. Sie reagieren auch subtil auf die Störungen und Eingriffe des Schauspielers. Ein fesselnder Abend.

Infernal Comedy  bei den Ruhrfestspielen, sa, 14 + 19, so 18 Uhr,

Tel. 02361/ 92 180

http://www.ruhrfestspiele.de

Quelle: wa.de

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