John Irvings neuer Roman „Letzte Nacht in Twisted River“

Von Ralf Stiftel ▪ Gleich auf der ersten Seite von John Irvings Roman „Letzte Nacht in Twisted River“ stirbt ein junger Kanadier. Er arbeitet als Holzfäller, rutscht von feuchten Stämmen ab und ertrinkt im Fluss.

Der Flößer Ketchum bricht sich das Handgelenk beim Versuch, ihn zu retten. Es reicht nur zu einem Fluch als Nachruf: „Scheiße, Angel! Ich hab doch gesagt ‚Beweg deine Füße. Du musst die Füße bewegen!‘ So ‘ne Scheiße.“ Für die Melange aus Komik und Tragik kennen und schätzen Fans den US-Bestseller-Autor. Menschen kommen in seinen Büchern ums Leben, schließen Freundschaften, haben Sex, und das geschieht auf groteske, ausgefallene, übertriebene Weise – in einer Welt voller Unfälle.

Das alles vereint der zwölfte Roman Irvings in der Katas trophe, die ihn erst so richtig in Gang bringt: Der zwölfjährige Danny, Sohn des Kochs im Holzfällercamp am Twisted River, wacht nachts auf und überrascht seinen Vater und die üppige „Indianer-Jane“ beim Sex. Er hält die Frau für einen Bären und erschlägt sie mit einer Pfanne. Leider war sie die Geliebte des brutalen Dorf-Sheriffs. Der Koch und sein Sohn müssen über Nacht fliehen. Es beginnt eine Odyssee durch diverse Küchen und Lokale in den USA und Kanada. Irving verfolgt das Leben seiner Protagonisten von 1954 bis 2005.

Der 68-jährige Schriftsteller verarbeitet Motive, die immer wieder in seinen Büchern vorkommen. Bären, Tätowierungen, eine amputierte Hand, ungewöhnliche Unfälle, ein furzender Hund, eine heikle Dreiecksbeziehung, die tödlich endete, ältere Frauen, die junge Männer verführen, gut recherchierte Detailschilderungen aus speziellen Berufs- und Lebensfeldern, hier die Holzfällerei und die Gastronomie. Gleich mehrere Personen verlieren ihre Kinder, und die Angst um Söhne und Töchter gehört zu den stärksten Emotionen in diesem Roman. Das Verblüffende ist, wie Irving aus diesen Versatzstücken eine neue Handlung komponiert. Seine treuen Leser werden sich zu Hause fühlen – und trotzdem überrascht.

Irvings Romane sind praktisch alle mit seiner Biografie verknüpft. Die Frage nach dem Autobiografischen in seinen Romanen geht dem Autor sehr auf die Nerven. In seinem aktuellen Buch macht er seine Hauptfigur Danny Baciagalupo zum Schriftsteller. Danny teilt mit Irving nicht nur das Geburtsjahr. Viele seiner Romane erinnern an Irving-Werke. Ja, Danny gewinnt sogar einen Drehbuch-Socar für eine Romanverfilmung, wie Irving mit „Gottes Werk und Teufels Beitrag“. Irving lässt Danny die „wirklichen“ Ereignisse ein zweites Mal erzählen. Dabei gibt er einerseits einiges von seiner Arbeitsweise preis, zum Beispiel die Methode, den Roman vom Ende her zu erarbeiten und den ersten Satz als letztes niederzuschreiben, oder den Kunstgriff, „in medias res“ zu schreiben, also mitten in der Handlung einzusetzen. Aber Dannys Versionen der Geschichte weichen erheblich von der Realität ab, was sich durchaus komisch liest. Irving macht sich lustig über Kritiker, die seine Bücher mit seinem Lebenslauf verstehen wollen. Oft spricht er in eigener Sache, auch wenn er Dannys Gedanken wiedergibt, zum Beispiel als es um einen Roman über den Tod eines Kindes geht. Danny findet die Fragen der Journalisten indiskret und verletzend: „Genügte es nicht, dass Danny alles unternommen hatte, um die autobiographischen Bezüge zu verwischen? Er hatte aufgebauscht, er hatte übertrieben, er hatte die Geschichte bis an die Grenzen der Glaubwürdigkeit überzeichnet – er hatte seinen Figuren, die er so glaubwürdig wie möglich gestaltet hatte, die schrecklichsten Dinge widerfahren lassen.“

Eine von Irvings größten Gaben ist es, Figuren zu erfinden, die sich sofort einprägen. Auch sein aktueller Roman bietet ein Charakter-Panoptikum. Da ist Dannys irischer Lehrer, ein wundervoll trauriger, einsamer Mann. Da sind die bösartigen Tratschweiber Dot und May. Da ist die robuste und so verletzliche Six-Pack-Pam. Da zeigt sich, dass Irving viel mehr kann als mit dem Entsetzen scherzen. Ketchum aber, der bärenartige Holzfäller, der Danny aus der Ferne väterlich behütet, der Waffennarr und fluchende Misanthrop, er liegt Irving und wohl auch dem Leser am nächsten. Es gibt einige Glaubwürdigkeits-Löcher in der Handlung gerade bei ihm. Warum holt Ketchum sein Trauma erst nach Jahrzehnten ein? Über solche Lücken fabuliert Irving so flink hinweg, dass man sie fast nicht bemerkt.

Lange nicht mehr hat sich Irving in einem Roman so politisch geäußert. Vom Vietnamkrieg bis zur Reaktion auf die Anschläge vom 11. September 2001 lässt der Autor seine Figuren die „verfehlte“ US-Politik geißeln, das „Dümmer-als-Hundescheiße-Element, die aggressiven Patrioten“. Ketchum flucht über „dieses Arschloch-Land“. Und Six-Pack-Pam hält Bush für „einen feixenden Hohlkopf und ein unterbelichtetes Muttersöhnchen“. Reflexion ist Irvings Sache nicht. Dabei kann er überzeugend sein, zum Beispiel als er den Konflikt mit Dannys kampfhundehaltendem Ex-Studenten beschreibt. „Es war nie Schluss, die Gewalt nahm kein Ende.“

„Letzte Nacht in Twisted River“ hat Schwächen, aber auch beachtliche Stärken. Der große Erzähler John Irving hat noch einiges zu sagen.

Quelle: wa.de

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