John Darwins Rückblick auf das britische Empire

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John Darwin

Von Jörn Funke Wie löst man ein Weltreich auf? Imperien gehen mit Donnerhall unter oder brechen einfach auseinander. Davon war nichts zu spüren, als der britische Gouverneur Christopher Patten 1997 Hongkong an die Volksrepublik China übergab. Eine etwas pathetische Zeremonie markierte nach 99 Jahren das Ende der britischen Kronkolonie. Der Historiker John Darwin hat das „Hongkong Handover“ zum Schlusspunkt seiner Betrachtung über den Aufstieg und Niedergang des Empire gemacht, das er ein „unvollendetes Weltreich“ nennt.

Darwin, der in Oxford lehrt, hatte bereits 2010 unter dem Titel „Der imperiale Traum“ eine Globalgeschichte der Weltreiche veröffentlicht und dabei das Britische Empire nur als eines unter vielen Imperien skizziert. Einzigartig, so der Gelehrte, konnte es schon deshalb nicht sein, weil Imperien zu den häufigsten Staatsformen der Weltgeschichte gehören. Dem Empire lag zudem keine einheitliche, übergeordnete Idee zugrunde. Entstanden war es ab dem 17. Jahrhundert im Zuge der wirtschaftlichen Expansion Englands in Asien und dem militärischen Konflikt mit Spanien in Amerika.

Den Briten sei es gelungen, ein Weltreich aufzubauen, weil sie die Möglichkeiten der globalen Vernetzung besser nutzten als ihre Konkurrenten, schreibt Darwin. Die günstige Lage im Nordwesten Europas, die Expansion der Ostindienkompanie und eine gut organisierte Marine ermöglichten den Briten den Aufstieg zur Weltmacht. Globale Vorherrschaft attestiert der Autor dem Empire ab 1830, als Dampfkraft und Kohlevorräte es den Briten ermöglichten, die Seeherrschaft „zu erträglichen Kosten wahrzunehmen“.

Freihandelsideologie und Auswanderung spielten eine Rolle beim Aufstieg des Empire, schreibt Darwin, Gewalt und Rassismus gehörten dazu. Der Autor sucht einen Mittelweg zwischen der Empire-Seeligkeit, die in konservativen britischen Kreisen noch heute durchscheint und dem dezidierten Antimperialismus, der die Forschung der vergangenen Jahre bestimmte. Dabei arbeitet er sich eher thematisch als chronologisch durch die Imperiengeschichte – inhaltlich britisch-nüchtern, aber durchaus lebendig formuliert.

Die Briten nutzten günstige Gelegenheiten für ihren Aufstieg, schreibt Darwin. Der Abschied vom Weltreich war eher eine pragmatische Frage. Eine weltumspannende Militärpräsenz, wie sie die Vereinigten Staaten zeigte, war für das Vereinigte Königreich seit 1945 praktisch nicht finanzierbar. Der Weltmachtrolle hat London zwar nie abgeschworen, seine Truppen aber nach und nach abgezogen, erst aus Indien, dann aus Afrika. 1968 verkündete Premierminister Harold Wilson das Ende des Engagements östlich des Suezkanals und beendete damit eine 300-jährige Geschichte Großbritanniens als Großmacht in Asien.

Natürlich gab es Ausnahmen, etwa in Malaya, Zypern und Kenia. Und auf den Falklandinseln, um die die Briten nach der argentinischen Invasion 1982 erfolgreich kämpften. Die Inselbewohner hatten sich Darwin zufolge zuvor gegen Versuche Londons gewehrt, die Inseln loszuwerden. Und eben Hongkong, das man nur für 99 Jahre gepachtet hatte und 1997 zurückgeben musste – ein Gedanke, der der Bevölkerung kaum behagte. Das britische Rechtssystem sollte weiter gelten, machten die Kolonialherren zur Bedingung, bevor sie ihren Anspruch auf die Kronkolonie und ihre Weltreich endgültig aufgaben.

John Darwin: Das unvollendete Weltreich. Deutsch von Michael Bayer und Norbert Juraschitz. Campus-Verlag, Frankfurt/New York. 482 S., 39,90 Euro

Quelle: wa.de

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