John Cale und andere beim „Theater der Welt“

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Sie verständigen sich mit Sex: Szene aus dem Stück von Daisuke Miura beim „Theater der Welt“. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ ESSEN/MÜLHEIM–Man sieht John Cale, die Rocklegende seit „Velvet Underground“, zunächst nicht persönlich an diesem heißen Nachmittag auf Zollverein in Essen. Jeder Zuschauer bekommt einen Kopfhörer.

Mit dem geht er ins Salzlager der früheren Zeche, wo fünf Leinwände installiert wurden. Erst lassen sich die Hintergrundgeräusche nicht trennen vom elektronischen Waberklang im Kopfhörer. Dann aber erklingen Pianoakkorde, singt Cale. Projektoren springen an, werfen seltsame Bilder auf die Leinwände. Zunächst einen Raum mit einem Piano, die Nahansicht einer Tür (unterer Rand). Später eine Felslandschaft mit Raureif und dünnem Schnee. Wir erkennen Cale, der mit Wollmütze durch die Gegend läuft. Später Innenansichten eines verfallenden Hauses.

So sieht der Beitrag des Rockmusikers Cale zum Festival „Theater der Welt“ aus. Keine Bühne, keine Schauspieler, kein Text. Stattdessen Stimmungen. Eine erste Fassung war bei der Biennale in Venedig zu erleben. Zwischendurch gibt es elektronische Klangflächen, dann wieder wird es rhythmisch, mit einem rockigen Gitarrensolo, und eine Frau tanzt versunken im Publikum. Manche sitzen am Rand, manche folgen der Aufforderung im Programm, man möge sich frei bewegen. Cale verarbeitet hier Erinnerungen an seine Kindheit in Wales, private Verwundungen (seine Großmutter mochte ihn, das Kind eines Engländers, nicht). Die Spurensuche ist ziemlich hermetisch, und die Produktion schafft Distanz, weil alles medial vermittelt wird. Die Musik spielt Cale mit seiner Band live, aber man hört sie nur im Kopfhörer. Mag sein, dass Festivalchefin Frie Leysen an der Verschränkung von Bild und Musik ein Gesamtkunstwerk schätzt. Die Aufführung ließ selbst bei 33 Grad im Schatten kühl.

Keine Grenzen lässt dagegen Regisseur Daisuke Miura aus Tokio in seiner 2006 entstandenen „Gesellschaftsanalyse ohne Worte“. In der Casa des Schauspiels Essen erlebt der Besucher das „Schloss der Träume“: Vier Männer, drei Frauen in einem Einraum-Appartement. Die Wände beklebt mit Zeitschriftenfotos und Plakaten, der Boden voller Matratzen, die Spüle voller Geschirr. Ein WG-Chaos, beginnend 2 Uhr nachts. Einer spielt ein Videospiel am Fernseher, der nie ausgeschaltet wird. Zwei fangen an zu fummeln. Wenig später liegen alle kopulierend am Boden. Es gibt keinen Text. Stumm schaltet einer den Fernseher auf ein Comicprogramm. Wortlos schaltet der Videospieler zurück auf sein Spiel. Manchmal prügeln sie sich. Manchmal setzt sich einer eine Spritze, zielt sich etwas Kokain in die Nase. Sie bereiten eine Mahlzeit und schaufeln sich den Reis in den Mund, den Blick starr auf den Bildschirm. Morgens ziehen sie sich an, verlassen ihre Wohnung, zur Arbeit, zum Einkaufen, wer weiß das schon? Sie kehren zurück, rammeln weiter.

Was analysiert Miura? Sein Stück macht den Zuschauer zum hilflosen Voyeur. Blicke in einen Menschenzoo, dessen Akteure aber so übertrieben sind, dass sich kaum kritische Energie aufbaut.

Dem Besucher des Festivals wird also etwas zugemutet – allemal besser als gepflegte, leere Routine. Es gibt Momente puren Entzückens wie in Monteverdis Barockoper „Die Heimkehr des Odysseus“, die der südafrikanische Regisseur und Künstler William Kentridge schon vor zwölf Jahren mit der Handspring Puppet Company aus Kapstadt und dem Ricercar Consort realisierte. Lebensgroße Puppen agieren vor den Instrumentalisten mit Lauten und Violen und manchmal auch vor der Projektion eines Films, den Kentridge produzierte. Dazu singen Solisten wie die Mezzosopranistin Guillemette Laurens und der Tenor Julian Podger schmerzlich süße Rezitative. Das wirkte nach Jahren noch in der Stadthalle Mülheim hinreißend frisch.

Und das Festival hat große Momente beim Aktivieren des Publikums: Beim „Bal moderne“ auf dem Essener Theaterplatz studieren Tänzer mit eine Choreografie ein mit jedem, der gerade mitmachen will.

Drei Produktionen werden heute gespielt: Ein Tanzstück mit Rachid Ouramdane (20 Uhr), ein Stück der Tokioter Gruppe Faifai (21.30 Uhr) und Miuras „Schloss der Träume“ (22 Uhr), alle um das Grillotheater Essen.

Das Festival geht noch bis 17.7., Tel. 0201/812 22 00,

http://www.theaterderwelt.de

Quelle: wa.de

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