John Cages „Europeras“ bei der Ruhrtriennale

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Höllensturz ins Drachenmaul: Heiner Goebbels inszeniert Europeras 1 in der Jahrhunderthalle Bochum. ▪

Von Edda Breski ▪ BOCHUM–Die Sonne geht unter über dem Dschungel. Zwei Violinen spielen Wagners Entzückens-Motiv, und eine Frau singt Humperdincks Abendgebet. Ganz hinten brennt ein griechischer Tempel. Mit eigenwilligen Bildern von opulenter Schönheit hat Ruhrtriennale-Intendant Heiner Goebbels sein erste Saison begonnen. Seine Inszenierung von John Cages Europeras 1 & 2 in der Jahrhunderthalle Bochum schafft mit barocker Pracht ein Welttheater des Künstlichen.

Cage hat Europeras 1987 für die Frankfurter Oper geschrieben und dazu angemerkt: Jetzt bekommt ihr Europäer eure Oper zurück. Eng geschichtet liegen Szenen des Musiktheaters übereinander, Janácek, Rossini, Berlioz. Cage wählte einen Pool aus, was daraus wann gespielt wird, entscheidet das chinesische Orakel I Ging. Ginge es nur ums Zitatefinden, dann wären Europeras das musikalisch-szenische Äquivalent eines Wimmelbuchs. Aber Cage hat mit seiner spirituell aufgeladenen Aleatorik mehr gewollt: Er trennte Szene, Musik und Handelnde, wollte neue Wahrnehmungen ermöglichen. Die Handlungen sind streng synchronisiert – Cage hat „time brackets“, Zeitklammern, festgelegt – und zugleich individualisiert: Jeder Akteur folgt seinem Tempo und agiert auf einem bestimmten Platz auf einer Art langgezogenem Schachbrett.

Die Jahrhunderthalle in Bochum ist ein toller Ort für diese verrückte, geniale Geschichte, die erst zum dritten Mal überhaupt aufgeführt wird. Goebbels bespielt einen 90 Meter tiefen Raum mit gigantischem Aufwand. Allein die Koordination ist unendlich komplex. Da steht die Qualität der Musik nicht im Vordergrund. Die zehn Sänger schlagen sich so gut, wie sie können. Das – nicht dirigierte – Orchester sitzt auf Rampen hoch über dem Geschehen und an den Seiten. Die Akustik ist erstaunlich gut.

In diesem enormen Raum schafft Heiner Goebbels ein Vexierspiel aus Anspielungen, Zitaten und Aussagen, die sich in heiterem Widerspruch zugleich negieren und bestätigen. Die musikalische Hermetik der Europeras wird durch Sinnlichkeit geerdet. Florence von Gerkan hat eine nahezu perfekte Kombination von Avantgarde und Bühnenhistorie gefunden. Lichtregie und Bühnenbild Klaus Grünbergs sind märchenhaft. Ein Louis-XIV-Doppelgänger in Gold (der Tenor Robin Tritschler) singt Lortzings Wildschütz, ein Wald fährt hoch; Helfer in schwarzen Overalls rollen Säulen heraus und posieren als klassische Statuen. Die absolutistisch gezähmte Bühnen-Natur taucht ab, muschelförmige Rampenlichter werden nach vorne gerollt. Die fahrenden Lichtträger, das Ballett der Helfer, die Drähte und Haken, an denen die Dekoration befestigt ist, sind gleichberechtigte Elemente der Aufführung.

Eine Frau in Gelb (Susanne Gritschneder) taucht hinter einem Drachenkopf-Prospekt auf; sie singt die Auftrittszene der Erda aus Wagners Rheingold, und aus dem Drachenmaul werden Menschen abgeseilt – wie in den Höllenvisionen von Hieronymus Bosch.

Goebbels vertritt einen heiteren Dekonstruktivismus, der immer wieder ins Schöpferische umschlägt. Das sieht oft stark nach Zitatesammeln aus. Einer übergreifenden Positionierung entzieht sich Goebbels radikal.

In dem 45-Minüter Europeras 2 kondensiert er aus seiner Theater-Welt ein Schattentheater. Die schwarzgekleideten Sänger treten vor den Prospekt einer Straße, eine exakte Zeichnung mit markiertem Fluchtpunkt. Sie beginnt sich zu bewegen: Wolken spulen vor und zurück, das Brunnenwasser schlägt Wellen. Ein Sänger dehnt sich am Geländer wie ein Tänzer an der Barre: ein Schattenriss. Die Realität kehrt sich um: Das Bild lebt, die Menschen sind nur Schatten.

21., 29., 31.8., 2.9., derzeit alle Vorstellungen ausverkauft.

Tel. 07 00/20 02 34 56.

http://www.ruhrtriennale.de

Quelle: wa.de

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