John Burnsides poetischer Roman „In hellen Sommernächten“

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John Burnside

Von Ralf Stiftel ▪ Die Huldra ist eine Figur der nordischen Mythologie, eine Waldfee, die Männer verführt, wunderschön, aber mit einem Kuhschwanz. So eine Huldra scheint ihr Unwesen zu treiben auf der Insel am Polarkreis, auf die sich die Malerin Angelika Rossdal mit ihrer Tochter Liv zurückgezogen hat. Zwei junge Männer wurden tot gefunden, ertrunken, und vielleicht wurden sie vom Geist verführt.

Der schottische Dichter John Burnside hätte mit „In hellen Sommernächten“ einen Schauerroman schreiben können. Es spukt gehörig durch dieses Buch. Aber das Übernatürliche wird der Leser darin nie greifen können. Burnside, geboren 1955, ist ursprünglich Lyriker, hat aber mit den großartigen Romanen „Die Spur des Teufels“ und „Glister“ sowie der wuchtigen Abrechnung „Lügen über meinen Vater“ inzwischen in Deutschland Leser gefunden. Der neue Roman, im Original „Summer of Drowning“ betitelt, spielt in Norwegen. Er lässt eine junge Frau, Liv, erzählen, was sie vor zehn Jahren erlebte, als sie 18 war. Von der Huldra hört sie bei ihrem großväterlichen Freund aus dem Nachbarhaus, Kyrre Opdahl, einer der wenigen, mit denen sie verkehrt.

Vielleicht gehört der Spuk nur zu den Begleiterscheinungen der Mittsommernächte? Vielleicht liegt es aber an der Beziehung zu Livs Mutter, der berühmten Malerin, die das Einsiedlerdasein ihrer Tochter aufzwang. Vom Vater wurde nie gesprochen. Als eines Tages ein Brief kommt, in dem seine neue Freundin Liv informiert, dass er krank ist und sie sehen möchte, da reagiert sie seltsam gleichgültig. Entspringen jene Erscheinungen der gestörten Psyche einer jungen Frau, die nicht in einer normalen Familie aufwuchs? Vielleicht hängt sie in einem spätpubertären Selbstfindungsprozess fest? In einer ungesunden Bindung? Liv entwickelt ungewöhnliche Neigungen, fühlt sich als „Spionin Gottes“ und beobachtet andere. Wie Martin Crosbie, der sich für einen Sommer in der „Hytte“ von Kyrre einmietet, der gleich Livs Nähe sucht, sie einlädt, und, wie sie später feststellt, heimlich fotografiert und die Aufnahmen seiner Sammlung von Bildern junger Frauen auf seinem Laptop einfügt.

So spinnt Burnside ein Netz aus Andeutungen, Möglichkeiten und Atmosphäre. Eingefügt sind Naturbeschreibungen, die der leeren Landschaft eigenes Leben einhauchen. „Über den Wiesen lag eine Dunkelheit, die alles aussehen ließ, als wollte es jeden Moment verschwinden, Watvögel flatterten aus grauer Luft aus und glitten kurz dahin, ehe sie wie durch einen altmodischen Zaubertrick wieder verschwanden. Windböen nahmen Gestalt an, wenn sie durch das Gras fuhren, nur um sich vor Zäunen und Banketten wieder aufzulösen...“

Liv meint, die Huldra im Mädchen Maia zu erkennen, die sich auffällig für Männer interessiert. Aber wieviel Wahrheit in Livs Erzählungen steckt, das wird von Seite zu Seite fragwürdiger. Der Leser sollte ihr misstrauen, so wie sie selbst sich fragwürdig wird: „... wenn ich zurückblicke, glaube ich nicht, dass so ganz stimmt, was ich erzähle.“

Was wirklich geschieht und was nur Wahn ist, das wird nicht beantwortet. Eben in diesem Schwebezustand liegt aber der poetische Zauber dieses außergewöhnlichen Buchs.

John Burnside: In hellen Sommernächten. Deutsch von Bernhard Robben. Knaus Verlag, München. 381 S., 19,99 Euro

Quelle: wa.de

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