Johannes Itten im Stenner Forum Bielefeld

„Tiefenstufen“ nannte Johannes Itten sein Farbfeldbild (1915). Das Gemälde ist im Kunstforum Hermann Stenner in Bielefeld in der Ausstellung „Johannes Itten. Kunst als Leben“ zu sehen. Foto: Kunstmuseum Bern, Anne-Marie und Victor Loeb-Stiftung

Bielefeld – Johannes Itten malte seine ersten abstrakten Bilder, als er Musik und Farben nachspürte. Wie gehen Töne und Malerei zusammen? Wie lässt sich diese Synästhetik darstellen? Sein Bild „Tiefenstufen“ (1915) zeigt, wie die Felder meist warmer Farben ineinander greifen oder abgegrenzt voneinander Hierarchien bilden. In der Ausstellung „Johannes Itten. Kunst als Leben“ ist das Bild neben 400 Exponaten und rund 20 Gemälden zu sehen. Das Hermann Stenner Forum in Bielefeld zeigt als einzige Station in Deutschland eine Schau, die am Kunstmuseum Bern erarbeitet wurde.

Der Schweizer Itten (1888–1967) war ein Suchender, ein Künstler des 20. Jahrhunderts, der vor allem als Kunstpädagoge und Reformer wirkte. Er ist bekannt aufgrund seiner Zeit am Bauhaus in Weimar. Als Meister der ersten Stunde unterrichtete er an der Schule der Gestaltung von 1919 bis 1923. Dann ließ sich der Streit mit Direktor Walter Gropius nicht mehr überbrücken. „Ich verstehe ihre Bilder zwar nicht“, hatte Gropius schon im Anwerbegespräch geäußert, aber nach Weimar kommen sollte Itten doch. Gropius’ Frau Alma Mahler, esoterisch ausgerichtet, hatte ihrem Mann geraten, den Reformer aus Wien unbedingt aufzunehmen. Von 1916 bis 1919 lebte Itten in Wien. Er prüfte, ob schon die Ägypter beim Bau der Pyramide den Goldenen Schnitt (Proportion fünf zu drei) angewandt hatten. Was ist die Systematik des Sichtbaren, fragte sich Itten auch in seinem Aquarell „Häuserrhythmen II“ (1917). Mit Strichtechniken abstrahiert sein Pinsel vom Gegenstand zu eckigen Formen.

Itten forcierte eine Konzeptualisierung der Kunst, wie sie heute selbstverständlich ist. Auch die Abstraktion war ein bildnerisches Konzept ihrer Zeit, das mit Kasimir Malewitschs schwarzem Quadrat 1913 begann. Heute weiß man, es gab noch frühere abstrakte Beispiele.

Itten kam mit einem kunsttheoretischen Programm nach Weimar. Wie zeichnet man Schnelligkeit, wie lässt sich ein emotionaler Ausdruck visuell festhalten? Bewegung war in seinem Unterricht zwingend. Die Zeichnung „Akt in Blau“ (1918) zeigt in Bielefeld, wie Itten die geschwungene Bewegung mit Pastellkreide und Kohle auf Papier festhielt. Aus dem Bauhaus-Almanach „Utopia. Dokumente der Wirklichkeit“ sind mehrere Seiten in der Ausstellung gehängt, die vermitteln, wie Itten über Textgliederung und verschiedene Schrift-Typografen den Lesenden zur Erkenntnis bewegen wollte. Im Almanach finden sich seine Grundsätze. Er wollte Kunst und Leben ganzheitlich verschränken und den Menschen künstlerisch formen. Itten zeichnete Farbskalen („7 Lichtstufen und 12 Tönen“) und verehrte die Farbenkugel von Philipp Otto Runge, die auch Weiß, Schwarz und Grau aufnahm.

Die Ausstellung im Stenner-Forum will den Kunst-Leben-Anspruch sichtbar machen. Das Material dazu bieten die Skizzenbücher, die Johannes Itten seit 1913 anlegte und „Tagebücher“ nannte. Es ist nichts Privates verschriftlich. Vielmehr sind reformerische Bestrebungen bildhaft gezeichnet. Vegetarische Ernährung, Atemlehre und rhythmische Gymnastik zählen dazu. So findet sich in Bielefeld ein „begehbares Skizzenbuch mit 300 Blättern“, wie Christoph Wagner es nennt, Kurator der Ausstellung und Kunsthistoriker an der Universität Regensburg. Es finden sich Textilmuster zu Krawatten, Musiknotationen, wie man einen Hammer einsetzt, Ittens Farbenlehre, die heute noch gilt, japanische Tuschzeichnungen und wie sie hergestellt werden, selbst die Fotografie eines chinesischen Kommunisten. Diese Zeichnungen und Abdrucke aus Ittens Krefelder Zeit (1932–38) lassen einen staunen. Das Gesamtbild von Kunst und Leben entwickelt einen Sog dem man sich nicht entziehen kann. Schon 1928 sagte Itten: „Jeder Mensch ist bildnerisch begabt.“ Viele Jahrzehnte vor Joseph Beuys’ Diktum: „Jeder Mensch ist ein Künstler“.

Itten zeichnete seine „Tagebücher“ seit 1913. Die Ausstellung endet 1938 mit den Skizzenbüchern, die nun erforscht sind und den Kern der Schau ausmachen. „Johannes Itten. Kunst als Leben“ ist auch ein Betrag zur Rezeptionsgeschichte des Bauhauses. Ausgehend von der Präsentation „Das Bauhaus und die Esoterik“ im Gustav-Lübcke-Museum Hamm 2005/2006 ist die Bedeutung der lebensreformerischen Initiativen neu bewertet worden. Das Bild einer Designschule mit kühnen Gebäuden, innovativen Möbeln von Breuer und Kugellampen von Wagenfeld greift zu kurz. Walter Gropius hatte mit dem Wechsel 1925 nach Dessau darauf gesetzt, dass sich die Studentenschaft mehr auf technische Prozesse einlässt und mit der Industrie zusammenarbeitet. Johannes Itten sah damit die Freiheit des künstlerischen Menschen gefährdet.

Itten ging mit seiner Familie nach Herrliberg nahe Zürich, dem Sitz der Mazdaznan-Bewegung in Europa. In dieser Mischreligion wurde meditiert, kein Fleisch gegessen und einem Sonnenkult geförnt. Itten stellte in Bern und Zürich aus, später in Berlin, New York und Tokio. Nach Streitigkeiten verließ er Herrliberg und wechselte nach Berlin, wo er seine Kunstschule erfolgreich führte. Die Bauhäusler Lucia Moholy-Nagy und Umbo gaben Fotokurse. In diese Zeit gehört das sensible Bild „Selbstporträt“ (1928).

Ab 1932 unterrichtete Itten an der Fachschule für textile Flächenkunst in Krefeld. Unterstützt wurde er von Seidenfabrikant Herman Lange. Ab 1935 arbeitete Itten wieder künstlerisch, zeichnete und aquarellierte. Auf Druck der Nationalsozialisten musste die Schule 1938 geschlossen werden. Ittens Bilder wurden verfemt. 31 seiner Werke fielen der NS-Aktion „Entartete Kunst“ zum Opfer und wurden aus deutschen Museen entfernt.

Die Ausstellung – eine Anfrage des Martin-Gropius-Museums aus Berlin wurde in Bern abgelehnt – ist in Bielefeld zu sehen , weil Itten 1913 Hermann Stenner in Stuttgart kennenlernte. Die jungen Künstler nahmen Stunden bei Ida Kerkovius. Itten wollte bei Adolf Hölzel studieren. Der Akademie-Lehrer dachte über Kategorien künstlerischer Arbeit nach: Wie schaffe ich Rhythmus und Ordnung? Itten ging vor dem 1. Weltkrieg in die Schweiz, kehrte aber 1915 zurück, kümmerte sich um den Nachlass Stenners, der im Dezember 1914 gefallen war, und übernahm dessen Atelier. „Itten sicherte die Stenner-Werke“, sagte Christoph Wagner. Sie sind Teil der Sammlung Bunte – Grundlage der musealen Arbeit im Forum. Wahrscheinlich entstand das Itten-Aquarell „Sumpfpfanzen“ (1916) im ehemaligen Atelier Hermann Stenners.

Bis 28. 6.; mi-fr 14 – 18 Uhr; sa, so 11 – 18 Uhr; Tel. 0521/800 6600; www.kunstforum

-hermann-stenner.de; Katalog 29 Euro, im Hirmer Verlag erschienen

Quelle: wa.de

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