Johanna Wehner inszeniert Lars von Triers „Melancholia“

Treffen im kaputten Erdball: Szene aus „Melancholia“ in Bochum mit Mark Oliver Bögel und Kristina Peters.

BOCHUM - Wenn sich Heiner Stadelmann, Matthias Eberle, Kristina Peters, Johanna Eiworth, Michael Kamp, Anke Zillich und die anderen vom linken Bühnenrand auf die Vorbühne des Schauspielhauses Bochum drücken, dann sehen sie schon aus wie Gestrandete. Sie rufen immer mal wieder „Auf das Leben!“, aber ihre Stimmen klingen matt und lustlos. Eine unfrohere Hochzeitsgesellschaft hat man lange nicht gesehen.

Die Regisseurin Johanna Wehner hat sich mit der Bühnenfassung von Lars von Triers 2011 herausgekommenem Film „Melancholia“ ohnehin nicht gerade den Stoff ausgesucht, der ein Feuerwerk der guten Laune verspricht. Das böse Ende darf hier verraten werden: Der dunkle Planet Melancholia kollidiert mit der Erde und löscht alles Leben aus. Bis dahin quälen sich das Brautpaar Justine (Peters) und Michael (Eberle) durch ein pompöses Fest, ausgerichtet von Justines Schwester Claire (Eiworth) und ihrem Schwager John (Kamp). Die Menschen, die das Fest zusammenbringt, haben kein Interesse aneinander, das Paar liebt sich nicht, Justines Chef möchte vor allem noch einen knalligen Werbeslogan mitnehmen, der senile Vater (Stadelmann) verlustiert sich mit zwei Bettys, die verbitterte Mutter (Zillich) verbreitet schlechte Schwingungen.

Diese bunte Gesellschaft ist so kaputt, wie es die Erde nach dem Zusammenprall mit Melancholia sein wird. Vielleicht ist ihre Lieb- und Fühllosigkeit sogar schuld an der kosmischen Katastrophe. Bei der Apotheose im Film hat man das Gefühl, dass der dänische Regisseur, angetrieben von eigenen Depressionen, ganz zufrieden mit dem Weltende ist.

Das überträgt Johanna Wehner werktreu auf die Bühne. Statt langer Zeitlupensequenzen zu Wagner-Musik schafft sie allerdings eine Art Text-Partitur, bei der die Schauspieler zu einem Sprechmusik-Ensemble werden. Ganze Dialogpassagen werden wieder und wieder ausgeführt, wobei ein Satz mal von diesem Darsteller, in der Wiederholung aber von einem anderen oder von einer Gruppe gesprochen wird. Hier geht es nicht voran, hier wiederholen sich die gleichen, spaßfreien Phrasen wieder und wieder, der Stillstand hat die Form einer Zeitschleife, eines Loops. Da schätzen sie dann, wie viele Bohnen im Glas sind, oder sie zählen die Löcher beim Golfplatz auf, von 1 bis 18.

Das sieht zumindest in einigen Szenen sehr pittoresk aus, zumal mit dem inklusiven freien Ensemble dorisdean die festen Darsteller des Ensembles bei den vielen choreografierten Szenen mit Hin- und Herlaufen Verstärkung bekommen, und wenigstens die weitgehend textlosen Rollstuhlfahrerinnen in weiten Ballett-Tütüs bringen etwas Leben in die Bude. Wuchtig ist das Bühnenbild von Volker Hintermaier, der immerhin mit kosmischen Kinobildeffekten konkurriert. Er stellt die meterhohe verkohlte Ruine des Erdballs zwischen ein Arrangement aus Leuchtstelen. Das ergibt ansprechende Gegenlicht-Bilder, wenn das Paar oder andere Darsteller den zerfledderten Globus betreten und von hinten beleuchtet werden. Den nahenden Planeten Melancholia verkörpert eine Gruppe Scheinwerfer, die zwischendurch auf Blendstärke aufgedreht werden.

Wenn jemand an Anfällen von guter Laune leiden sollte, in dieser Uraufführung findet er ein hochwirksames Gegenmittel. Wehners Inszenierung zelebriert die Missmutigkeit. Ansätze von Gesellschaftskritik, wie bei den zynischen Auslassungen von Justines Chef, verpuffen im aschgrauen Bilderreigen. Das Ensemble hätte auch das Potenzial zu Burleske und Überzeichnung. Mit etwas Distanz zu Lars von Triers selbstreflexivem Pathos hätte man den Abend deutlich unterhaltsamer gestalten können. Wenn Zillich sich mit beiden Händen das Lächeln richtet oder Stadelmann die beiden Bettys herumreicht, ahnt man die Möglichkeiten. Unglücklicherweise aber sucht Wehner nie die Meta-Ebene, sondern schwelgt im Leidenskitsch, wie schon die Vorlage.

Zum Schluss hin wird nochmal Extragefühl nachgelegt, da führt Justine einen echten Schimmel auf die Bühne. Vor dem Knall baut sie die „magische Höhle“ für den verzweifelten Jungen Leon aus dem Ensemble, das sich zum Menschenknäuel zusammenkuschelt. Nach zwei pausenlosen Stunden ist der Weltuntergang eine Erlösung.

30.3., 5., 12., 13., 19., 27.4., 5., 16.5., Tel. 0234/ 33 33 55 55 , www.schauspielhausbochum.de

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