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Johan Simons übersetzt in Bochum das Drama „Alkestis“ ins Menschliche

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Von: Ralf Stiftel

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 Szene aus „Alkestis“ am Schauspielhaus Bochum mit Anne Rietmeijer in der Titelrolle und Steven Scharf als Admetos.
Ein schmerzlicher Abschied für immer: Szene aus „Alkestis“ am Schauspielhaus Bochum mit Anne Rietmeijer in der Titelrolle und Steven Scharf als Admetos. © Birgit Hupfeld

Bochum – Dieser Admetos kostet die letzten Minuten mit seiner Alkestis in einem ganz irdischen, körperlichen Sinn aus. Immerzu umarmt und küsst er sie, hebt sie an, dass sie ihre Beine um ihn schließt. Und während die Amme von Trauer spricht und von der edlen Größe, dass Alkestis bereit ist, anstelle ihres Gatten zu sterben, eilt das Abschiedspaar zum Wohnwagen für eine weitere letzte Runde Sex.

Mit dieser konsequenten Profanisierung markiert Johan Simons in seiner Inszenierung gleich die Fallhöhe. Man weiß ja nicht recht, wie man das 438 v. Chr. uraufgeführte Drama „Alkestis“ des Euripides benennen soll. Am Ende bekommt Admetos seine tapfere Frau ja zurück. Aber was soll das für eine Komödie sein, in der gestorben werden muss? Der Intendant des Schauspielhauses Bochum erlaubt das Lachen vor dem Ungeheuerlichen, ohne die seelischen Verwüstungen zu verbergen, die das Geschehen hinterlässt. Auslöser der Katastrophe ist ein Göttergeschenk: Admetos war Dienstherr des zur Strafarbeit verdammten Apollon und hat den Knecht gut behandelt. Zum Dank gewährt der Olympier eine Gnade: Admetos wird vom Tod verschont, wenn sich jemand anders bereit erklärt, an seiner Stelle zu sterben. Aber es findet sich niemand, nicht mal die alten Eltern des Mannes. Nur seine Frau nimmt das Opfer auf sich. Allerdings fordert auch sie einen Preis: Die Kinder sollen nicht mit einer Stiefmutter aufwachsen, also darf Admetos nicht wieder heiraten.

Das Fragwürdige der Situation hat der antike Dichter sicher bewusst herausgearbeitet. Welchen Wert hat das Überleben, wenn es den Tod eines anderen voraussetzt? Götter, die so schenken, sind Versager. Daraus schlägt Simons wiederum einen grandiosen Witz, der den Ernst der Situation noch im lächerlichsten Ambiente respektiert.

Das Stück spielt auf dem Campingplatz, vor einem etwas angeranzten Wohnwagen mit Plastikstühlen und Bierkästen, und nur mit dem kaum merklich vorbeiziehenden glänzenden Steg deutet Bühnenbildner Johannes Schütz an, dass hier Existenzielles verhandelt wird, der Zeiger der Schicksalsuhr schreitet voran. Steven Scharf verleiht dem Admetos mit struppiger Hippiemähne das schmierige Flair des Edelprolls. Und der Schauspieler treibt die Widersprüche seiner Figur auf schwindelerregendes Niveau. Gerade noch wälzt er sich notgeil mit seiner Frau herum, dann greint er, dass ohne sie sein Leben nichts mehr wert sei, dass sie ihn mitnehmen solle, und man fragt sich, wer ihn zwingt, das Opfer der Alkestis anzunehmen. Da steht ein schwacher Mann, der vergeblich versucht, sein Leben im Griff zu behalten. Dabei reizt Scharf die Stimmungswechsel aus, drückt sich Tränen heraus, geifert und schreit, was seiner Trauer den Ernst, die Überzeugungskraft nimmt. Er ruft seine Kinder zu sich, aber die klammern sich lieber an der Mutter. Es ist hinreißend, wie Scharf die gestischen Dissonanzen zuspitzt, das große Pathosbesteck der Tragödie einem so unangenehmen, so schmerzlich banalen Menschen anpasst, dass es doch rührt.

Anne Rietmeijer in der Titelrolle ist kongenial, schon wenn sie ihre Bedingungen ausspricht. Aber ihr Abgang ist ein Höhepunkt. Simons arbeitet mit Musik, lässt Passagen aus Glucks Oper „Alceste“ von einem Quartett aus Sopranen und Mezzosopranen zu Orgelbegleitung vortragen. Eine sakral gestimmte Interpretation des antiken Chors, auch wenn die Sängerinnen manchmal die Hüfte schwingen. An einigen Schlüsselstellen aber setzt die Inszenierung mit Pop emotionale Schlüsselreize. Vor ihrem Tod erklingt Vicky Leandros‘ Schlager „Ich liebe das Leben“, und Rietmeijer übersetzt diese Botschaft in einen nicht enden wollenden, immer ekstatischeren Tanz, umschmeichelt ihre Kinder, und wenn man glaubt, dass sie sich in den bereitstehenden Sarg legt, springt sie wieder nach vorn für eine weitere Runde.

Selten wurde Ausweglosigkeit so physisch abgebildet. Auch Scharf hat eine Tanzeinlage, bei der er Stuhlschwingend herumhüpft wie der Duracell-Hase, ausgerechnet zu „God Only Knows“ von den Beach Boys. Nichts wissen die Götter hier. Der so schaurig maskierte Tod (Lukas von der Lühe) kommt ja auch nicht voran, weil sein alter Amischlitten-Leichenwagen streikt. Da muss geschraubt werden. Und Herakles, der unbezwingbare und allzeit zur guten Tat bereite Sohn des Zeus, wird von Pierre Bokma als biederer Wandergesell mit schepperndem Blechgeschirr am Rucksack gemimt. Seine Heldentaten sehen wir nicht, aber er knutscht mit der Amme (Elsie de Brauw). Gewiss, er bringt Alkestis zurück. Aber diese Wiedervereinigung bedeutet keine Heilung. Zu viel Schmerz wurde den Liebenden zugefügt. Die Sprachlosigkeit hier kann man mit Kleists „Amphitryon“ vergleichen, wo das Glück des Endes auch sehr fraglich ist.

Großer Jubel für die Koproduktion mit dem Epidaurus Festival, die in Athen im Juli Premiere hatte. Außerdem überreichte Franz Wille von der Zeitschrift Theater heute die Urkunde zur Auszeichnung des Schauspielhauses als Theater des Jahres 2022.

28.9., 9., 16., 25.10.,

Tel. 0234/ 3333 5555, www. schauspielhausbochum.de

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