Jörg Buttgereits „Nosferatu lebt“ in Dortmund

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Mit Zähnen und Klauen: Szene aus „Nosferatu lebt“ in Dortmund mit Annika Meier und Uwe Rohbeck.

Von Ralf Stiftel DORTMUND - Den Seemann beschleicht ein Alptraum: Kahler Kopf, spitze Ohren und lange Fingerklauen. Die langen in des Matrosen Rücken und entreißen ihm das Herz. Nosferatu begnügt sich am Theater Dortmund nicht mit Bissen in den Hals. Im Schattenspiel mordet der Vampir auch handfest.

Der Filmemacher Jörg Buttgereit genießt Kultstatus für seine furiosen Bühnenadaptionen von Trivialmythen und Horrorkino. Aufführungen seiner berührenden Version des „Elefantenmenschen“ sind ausverkauft. Wie auch, schon vorab, von seiner neuen Arbeit „Nosferatu lebt“. Buttgereit holt den Vater aller Filmvampire ausFriedrich Murnaus Stummfilm ins Studio. Den Blutsauger verkörperte 1922 Max Schreck. Als der Name fällt, macht es hinter der Bühne: „Huch“. Wie schon in „Kannibale und Liebe“ über den Serienmörder Ed Gein bietet Buttgereit eine Mischung aus Schauerstück und szenischem Essay. Zwischen den Szenen tritt Andreas Beck immer wieder aus der Rolle und trägt kulturhistorische Daten vor. So teilt er mit, dass Murnau seinen Vampir umtaufte, weil er die Namensrechte an Bram Stokers Roman „Dracula“ nicht besaß. Und dass der Kritiker Siegfried Kracauer in „Nosferatu“ eine filmische Vorwegnahme der Hitler-Diktatur sah.

Vieles ist hinreißend an diesem Abend. Buttgereit holt die Optik des frühen Kintopp auf die Bühne. Die Darsteller sind schwarz-weiß geschminkt. Es gibt keine Farben zwischen Hutters Wohnung mit dem Bett seiner Verlobten Ellen und dem Schloss des transsylvanischen Grafen Orlok. Und die Darsteller sprechen nur die nötigsten Dialoge, meistens werden eingeblendete Zwischentitel in kratzig-fleckiger Stummfilmanmutung eingeblendet. Dazu gibt es die ausladenden und überakzentuierten Gesten jener Epoche. Viele Außenszenen erscheinen an der Bühnenrückwand als Schattenspiel (Maximilian Steffan), aber auch eine alte Landkarte und anderes Material werden eingeblendet. Schon dieser visuelle Zauber lohnt den Besuch.

Hinzu kommt Pianist Kornelius Heidebrecht, der live spielt, mit Hilfe von Computerloops auch Geräusche produziert und Lieder aus der Gruft singt wie „Bela Lugosi’s dead“. Kaum zu glauben, aber der Mann trat mit schwerem Handicap an: Sein rechter Arm war eingegipst.

Das Ensemble trifft traumwandlerisch die Bildsprache der 1920er Jahre. Ekkehard Freye spielt Hutter, der ins Schloss des Grafen reist, als treuherzigen Helden, der mal spitzlippig-keusch seine Verlobte küsst, mal ein Kruzifix als Schuhanzieher missbraucht. Am Ende hat er Blut im Mund, und wenn er den Jazz-Standard „Time Is On My Side“ rezitiert, dann wird er zum Wiedergänger des Vampirs. Andreas Beck ist der joviale Arbeitgeber Hutters, der transsylvanische Herbergsvater, der irre Verehrer des „Meisters“, der Fliegen fängt und isst und für Nosferatu das eigene Blut ins Weinglas zapft. Annika Meier spielt Hutters Verlobte Ellen als bleiche Gothic-Braut wie aus einem Tim-Burton-Film, herrlich abgedreht. Uwe Rohbeck mimt den Vampir, eine perfekte Kopie von Max Schreck bis in die sichellangen Fingernägel, wunderbar schaurig.

Einige Abstriche aber sind zu machen: Nosferatu geht nicht so zu Herzen wie der „Elefantenmensch“, und der Blutsauger hat nicht die Präsenz des Ed Gein. Dazu bleibt er zu sehr auf Distanz. Und wenn es auch ein kleines Happy End für das Monster gibt, bewegt sich die Erzählung doch auf erwartbaren Zügen. Spannend ist dieser Horrorabend nicht. Gewaltsam und unvermittelt wirkt schließlich die Wendung zu NS-Zeit und Holocaust, wenn aus Paul Celans „Todesfuge“ rezitiert wird. Klar, das greift Kracauers These auf. Aber es müsste szenisch beglaubigt werden, mehr Psychologie und weniger Schattenspiel vielleicht.

Trotzdem bietet „Nosferatu lebt“ 70 Minuten Gruselvergnügen ohne Reue.

4., 21.12., 25.1.; Tel. 0231/ 50 27 222, www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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