Jochen Stückes „Paris“ auf Cappenberg

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Feine Damen unter sich: Jochen Stückes Zeichnung „Gealterte Pracht“, zu sehen auf Schloss Cappenberg.

SELM - Missgunst ist greifbar, wenn Jochen Stücke zur Tuschfeder greift. Die alte Gesellschaftsdame schaut griesgrämig auf eine junge Pariserin, deren Perücke sich bedrohlich nach vorne neigt. Ein modischer Quatsch – aus heutiger Sicht. So spitzt der Künstler Jochen Stücke in dem Blatt „Alte Pracht“ (2010) sein Gesellschaftsbild zu.

Von Achim Lettmann

Der Betrachter mag sich auch über den Hintersinn amüsieren, der meint, dass Unterschiede zwischen Alt und Jung letztlich zeitlos sind. Auf Schloss Cappenberg in Selm sind ab Sonntag solche karikierenden Blätter zu sehen, die zu Stückes „Pariser Album II“ zählen.

Es geht dem Künstler, 1962 in Münster geboren, aber nicht nur um humorige Momente. Stücke bearbeitet einen Kanon von Bildern und Büchern, die zu einem Bildungsgut zählen, mit dem seine Generation noch in Berührung kam. Zu Émile Zolas Buch „L’Oeuvre“ (1886) zeichnet er 2005 „Langeweile im Atelier“ und zeigt eine junge Frau, die mit angezogene Knien mehr liegt als sitzt. Rainer Maria Rilke, Guy de Maupassant und Lew Tolstoi stiften ihn zu kleinen Szenen an. Nach dem russischen Schriftsteller porträtiert er „Napoleon auf dem Weg nach Erfurt“ als einsamen kleinen Kerl, der zur Bedeutung seiner Geschichte gar nicht passt. Der Roman „Krieg und Frieden“ liefert die Inspiration. Und natürlich die Stadt Paris, die Jochen Stücke schon als Schüler kennenlernte und die ihn nicht mehr losließ.

In Cappenberg ist eine fortschreibende Beschäftigung mit Frankreichs Metropole ausgestellt. Nach „Pariser Album I“ (2004 bis 2008) nun also Teil II. Es ist ein Bilderstrom, der sich unterschiedlich zeigt. Neben der Literatur kommen Stadtansichten hinzu, die wegen ihrer Technik fesseln. Zum Beispiel die Monotypie „Hinterhoffenster auf der Ile Saint Louis“ (2013). Es scheint mehr als ein Fenster. Eine mehrteilige Fassade, Gitter, Simse, Erker – eine urbane Deko, die als Abstraktion mit feiner Strich-Pinselführung ein Eigenleben entwickelt. Jochen Stücke erfindet aus dem Bekannten heraus. Auf dem Blatt „Parison I“ schaut er über Menschen, denen Paris zu Füßen liegt. Ein klassischer Blick mit Sogwirkung, vielleicht vom Montmartre aus.

Pittoresk, ohne bieder zu sein, wirken seine nächtlichen Ausschnitte auch immer geheimnisvoll: In „Kleine Nocturne – Studie IV“ (2012) wird ein Hauskörper mit mächtigem Schornstein zelebriert. Faszination ist immer dabei, wenn Jochen Stücke sein Paris über alle Zeiten hinweg bearbeitet. Mit Spott und Kritik begleitet er die Revolution von 1789, ein Heiligtum Frankreichs, aber auch eine chaotische Zeit. Auf dem Bild „Zusammentreffen der Reichsstände im Mai 1789“ (2009) ist ein wüster Haufen zu sehen, dem die Menschen Fäuste entgegen strecken. Stücke notiert das in seinem Bild, wie in einem visualisiertem Lehrstück für Historie oder einem Graphic Novel. Wie Stücke den gotischen Dom Notre Dame zu einem Insekt stilisiert, das mit langen Beinen einfach abhaut, rückt seine Arbeit an dieses fantastische Sujet: „Flucht am frühen Morgen“ (2009).

Sein zeichnerischer Ansatz geht allerdings mehr auf Zeitungsblätter zurück, die im 19./20. Jahrhundert das gesellschaftliche Leben noch geistvoll kommentierten. „Aus einer neuen Mütze wird ein alter Hut“ (2009) bei Jochen Stücke, indem die Revolutionskappe der Jacobiner zum Zweispitz von Napoleon mutiert. Solche Veränderungen werden heutzutage digital gelöst. Man sollte Zeit für den Kosmos Paris auf rund 250 Bildern mitbringen.

Eröffnung, Sonntag 11.30 Uhr im Theatersaal; bis 10. November, di-so 10 – 17 Uhr, Katalog

25 Euro; Tel. 02306/71170

Quelle: wa.de

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