Jeroen Olyslaegers‘ großer Roman „Weil der Mensch erbärmlich ist“

Jeroen Olyslaegersbelgischer SchriftstellerFoto: Koen Broos

Wilfried Wils hat durchaus mitgemacht. Er hat geholfen, die Juden aus ihren Wohnungen zu holen. Sie an die Sammelpunkte für die Deportationen zu bringen.

Seinem Mentor Felix Verschaffel, bei dem er erst Französisch lernen sollte und der ihn dann zu den belgischen Helfern der SS brachte, diesen Liebhaber von Rimbaud und so eingefleischten Antisemiten, dass er ihn für sich nur „Miesebart“ nennt, diesem Menschenfeind hat er eine Idee eingeflüstert, wie er Juden aus ihren Verstecken locken konnte. Scham und Selbstekel verfolgen ihn noch Jahrzehnte danach, als er schon gebrechlich auf Nicole vom mobilen Pflegedienst angewiesen ist.

Einfach „Wils“ heißt der furiose Roman von Jeroen Olyslaegers im Original. Der deutsche Verlag ersetzte das durch die auf dem Umschlag durchgestrichene Formel „Weil der Mensch erbärmlich ist“, abgeleitet aus dem resignierten Credo des Helden: „Aber der Mensch ist vor allem erbärmlich, er ist nicht konsequent und gibt sich Illusionen hin. Keiner ist sein Leben lang ein Held.“

Pathos statt Understatement, aber das nimmt dem Buch nichts. Der flämische Romancier lässt seinen Helden an der Schwelle des Todes zurückblicken auf die Zeit, als die Deutschen Belgien besetzt hatten. Antwerpen, der Schauplatz, wurde zum rechtsfreien Raum. Obwohl formal die Stadtregierung das Sagen hatte, taten die Deutschen, was ihnen gerade einfiel. Man inszenierte einen Sturm auf Synagogen und verschleppte die Juden. Man vergnügte sich in den Kneipen und trieb es mit den Huren im Park. Und wenn einige betrunkene junge SS-Männer Geld brauchten, stürmten sie ein Café, zertraten die Schallplatten und griffen in die Kasse. Und wenn einmal ein belgischer Polizist wagte, gegen die marodierenden Besatzer einzuschreiten, konnte er froh sein, wenn sie in seinen Helm pissten und ihn nur deshalb nicht totschlugen, weil gerade ein englischer Bombenangriff kam.

Olyslaegers schildert die Apokalypse von Willkür, Krieg, Gewalt. In dieser Situation gerät Wils, der Ich-Erzähler, zwischen alle Fronten. Er arbeitet als Hilfspolizist, soll eigentlich für Ordnung sorgen, aber muss am Unrecht mitwirken. Er verachtet die Besatzer.

Aber die Vorgesetzten müssen dem Druck der Deutschen nachgeben. Sein Freund und späterer Schwager Lode versteckt einen jüdischen Diamanthändler – und zieht Wils ins Vertrauen, der kein Held sein will, am liebsten unauffällig bleiben würde. Der Autor zeichnet ein Bild von einer zerrissenen Bevölkerung, von einem wahrhaften Tanz auf dem Vulkan.

Und Wils, sein Held, ist wahrlich eine kaum minder disparate Figur. Mit fünf Jahren erkrankt er an Meningitis und hat danach alles vergessen, erkennt seine Eltern nicht wieder und fühlt sich fremd. Das bleibt ihm ein Leben lang erhalten, ein verborgenes anderes Ich in sich, das Angelo heißt, ein Engel oder auch ein Dämon.

Olyslaegers legt seinem Helden eine Lebensbeichte in den Mund, immer wieder kocht in dem Erzähler der Zorn auf. „Schau, sagt Angelo, das ist seine Zeit“, so schildert Wils seine Selbstentfremdung, als er Zeuge wird, wie eine Synagoge geplündert wird. Und zugleich klingt in jeder Zeile die Scham mit. Der Mann hasst zuerst sich selbst, seine Taten, seine Schuld. Das ist wortgewaltig erzählt, ein Erinnerungsschwall voller Wucht, den man so schnell nicht vergisst.

Jeroen Olyslaegers: Weil der Mensch erbärmlich ist. Deutsch von Isabell Hessel und Gregor Seferens. DuMont Verlag, Köln. 367 S., 24 Euro

Quelle: wa.de

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