Jens Harzer spielt „Iwanow“ in Bochum

Iwanow (Jens Harzer) denkt über sich nach. Szene aus der Inszenierung von Johan Simons zu Anton Tschechows Stück „Iwanow“ am Schauspielhaus Bochum. Foto: ritterhaus

Bochum – Michail schleicht sich an, hält ein Gewehr auf Iwanow und drückt ihm die kalte Mündung an den Hals. Der Gutsbesitzer erschrickt nicht einmal, fühlt sich ein wenig belästigt, aber vor allem als lesender Mensch nicht ernst genommen. Ärgerlich. Er bleibt bei sich und wirkt abgewandt. Michails Forderungen nach Geld für die Arbeiter, seine Drohung, Hafer, Roggen und Pferde zu verkaufen, lässt er abperlen. Was sonst? Und doch wird er umarmt, geküsst, der „Jammerlappen, Psychopath“, wie ihn sein umtriebiger Verwandter nennt. Sie sind sich nah und doch fern.

Regisseur Johan Simons hat „Iwanow“, Tschechows erstes Stück von 1889, in Bochum nicht ins grüne Irgendwo eines Russlands vor der Revolution versetzt. Das Schauspielhaus wird ein großes episches Spielfeld. Auf den Regalbrettern im Hintergrund liegen Requisiten, hängen Klamotten, eine Glocke, Lampen und sitzen Schauspieler. Stühle stehen verteilt, Holzstämme sind nur Reste einer Landwirtschaft ohne Gewinn und Zukunft. Bühnenbildner Johannes Schütz fokussiert ganz leicht auf das Figurenspiel. Er platziert ein meterhohes goldenes Viereck wie einen offenen Spielkubus auf die Bühne. Dieses minimalistische Element rahmt dem Zuschauer die Figuren im Theaterstück, die zum Ende ihren Eigensinn verlieren, demaskiert werden.

Anton Tschechow, der sein Stück mehrmals umgeschrieben hatte, drängt das Komödiantische seiner ersten Fassung zugunsten eines Dramas um den Gutsbesitzer Iwanow zurück. Für Bochum hat Angela Schanelec, Filmregiseurin und Drehbuchautorin („Nachmittag“), eine Neuübersetzung vorgelegt.

Jens Harzer spielt die Titelfigur von Anfang ungemein selbstbezogen. Iwanow spürt keine Liebe mehr für seine Frau Anna Petrovna, die ihren jüdischen Glauben aufgab, um ihn zu heiraten. Ohne Mitgift und vom Elternhaus verstoßen, ist sie nun erkrankt und wird nur durch einen Arzt betreut. Iwanow stützt sie nicht, sondern lernt bei den Besuchen im Haus des reichen Gutsbesitzers Lebedew die junge Sascha kennen. Die Tochter des Hauses will Iwanow aus seiner Apathie befreien. Beide verlieben sich. Als es nach dem Tod von Anna Petrowna zur Hochzeit kommt, zweifelt Iwanow allerdings, ob er Sascha nicht ähnlich zur Last fallen wird, wie seiner Frau.

Iwanows manische Selbstbefragung, warum ist die Liebe dahin, warum bin ich erschöpft, wieso ist mir alles misslungen, wird immer nur kurz unterbrochen („Ich kann mich nicht mehr verstehen“). Als bei Anna Petrovna Tuberkulose festgestellt wird, schreit Iwanow auf und wendet sich ihr zu. Jele Brückner zeigt eine Frau, der vor dem Tod noch die Liebe geraubt wird, als sie Iwanow und Sascha voller Entsetzen beobachtet. Gina Haller als Sascha entfacht eine Körperlichkeit, die bei Tschechow-Inszenierungen selten ist. Sie schnappt sich Iwanow, hebt ihn hoch und trägt ihn ein Stück. Sie knufft ihn, drängt an ihn heran und setzt beider Sehnsucht mit Hüftschwüngen in Bewegung, um ihn auch von seiner Grübelei abzulenken. Regisseur Johan Simons lässt die ungestümen Gefühle ausspielen, um das Schicksal der Anna Petrovna als tiefe Tragik des Lebens nachzuzeichnen. Das fasst einen an.

Die Inszenierung des Intendanten ist großartiges Sprechtheater. Immer setzt Jens Harzers Iwanow die Kontrapunkte, auf das seine Mitmenschen in ihrer beschränkten Lebensauffassung gestellt werden. Das wird vernichtend, wenn er Michails Einladung ausschlägt und ihm die Zigarre hinwirft, weil sie aus korrupten Geschäften kommen muss. Thomas Dannemann gibt den launigen Verwalter mit Goldkettchen und weißer Jeans unbeirrt, aber dennoch weich und leutselig. Als Iwanow bei Lebedew seinen Wechsel stunden will, verweist der Gutsbesitzer auf seine Frau. Veronika Nickl hält als Zinaida das Geld zusammen und ist bei aller Empörung amüsant. Aber vor allem spielt Bernd Rademacher als Lebedew den guten Patriarchen, der bei Geldnöten immer noch etwas „von der Oma“ zurückgelegt hat. Mit welcher stoischen Ruhe er Iwanow zuhört („Ich verstehe kein Wort“), um die konfuse Hochzeit seiner Tochter zu retten, strapaziert jedes Vaterherz. Rademacher zeigt eine Krisenkompetenz, wie sie im Ruhrgebiet geschätzt wird: pragmatisch, klare Ansage, kein Wischiwaschi. Er hat die meisten Lacher, als „drei alte Hasen“ dem Wodka zusprechen. Sein fauchendes Trinkgeräusch toppt die anderen Alkoholiker.

Langeweile martert die postrevolutionäre Sippe in „Iwanow“. Eine junge Witwe (Marina Frenk) wird dreist befummelt, um einen Ehevertrag für Iwanows Onkel rauszuholen. Martin Horn als alternder Graf sucht vor allem Zeitvertreib. Konstanin Bühler als Steuereintreiber beschäftigt sein Zahlenhirn mit Kartenspiel und nervt. Marius Huth als Arzt stemmt sich mit jugendlicher Verve gegen Iwanow, um dem „Verbrecher“ fehlende Empathie vorzuwerfen. Der Arzt steht für die Generation Russlands, die eine neue Gesellschaft aufbauen will. Und Romy Vreden gibt als singende Dienerin der Liebestragik ein paar soulige Momente mit: „First Time Ever I Saw Your Face“ von Roberta Flack. (Musik: Benjamin van Dijk).

Wie Jens Harzer allerdings die Seelenqualen Iwanows immer introvertierter verengt, wirklich körperlich fühlbar macht und dabei zu einer klaren Sicht auf das einfältige Leben an sich gelangt, das ist ganz einmalig gespielt. Als seine Frau mit ihm abrechen will, seine Liebe bezweifelt, beschimpft er sie als „Judenschlampe“, dass es im Schauspielhaus jeden durchfährt. Simons’ intensives Regietheater schafft mit seiner Wirkkraft Verweise in unsere Zeit und bleibt dem Original doch verpflichtet.

Erstaunlich, dass Gina Haller als Sascha in ihrem Kampf um Liebe Iwanow Paroli bietet und Jens Harzer, dem Träger des Iffland-Rings, eine ebenbürtige Partnerin ist.

Enthusiastischer Beifall vom Premierenpublikum im ausverkauften Haus.

Das Schauspiel

Jens Harzer brilliert in der Titelrolle. Ihm gelingt eine selten erlebte Intensität. Das Regietheater öffnet den Blick auf unreflektierte Alltäglichkeiten unseres Lebens.

Iwanow am Schauspielhaus Bochum. 22., 26., 27. 1.; 9., 12., 15., 22., 23. 2.; Tel. 0234/3333 5555; www. schauspielhausbochum.de

Tschechows Iwanow wird wieder mehr gespielt. Premiere feierte auch Karin Beiers Inszenierung am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg mit Devid Striesow.

Quelle: wa.de

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