Jens Daniel Herzog inszeniert Mozarts „Entführung aus dem Serail“ in Dortmund

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Ins Migranten-Milieu versetzt Jens Daniel Herzog Mozarts „Entführung aus dem Serail“: Szene mit Serdar Somuncu (Selim), Eleonore Marguerre (Konstanze) und Tamara Weimerich (Blonde, hinten).

Von Edda Breski DORTMUND -  Was wird aus Janitscharen, wenn man sie ins Heute versetzt? Werden sie Anhänger eines modernen Paschas in der Dortmunder Nordstadt, bereit, ihn anzuhimmeln und sich gar zu radikalisieren? Die Problematik der Aktualisierung exerziert Dortmunds Opernintendant Jens Daniel Herzog an Mozarts Singspiel „Die Entführung aus dem Serail“ durch. In seiner Produktion, die er vom Nationaltheater Mannheim nach Dortmund mitgebracht hat, zeigt er, wie man es macht – und am Schluss noch traurig scheitern kann.

Der Vorhang enthüllt einen Hinterhof, irgendwo in Deutschland: Satellitenschüsseln, Plastikstühle, ein Teetablett (Bühne und Kostüme: Mathis Neidhardt). Osmin hängt eine Türkeifahne an seinem Balkon auf. Das sieht nach Klamauk aus, ist es aber nicht. Herzog zeigt geschickt Beziehungen und Verstrickungen und erfindet stimmige Geschichten für alle Figuren. Belmonte (Lucian Krasnec mit schönem Ton, aber eng geführter Höhe und Volumenschwäche) ist verträumt, aber nicht besonders tatkräftig verliebt in Konstanze (Eleonore Marguerre). Diese hat ein Verhältnis mit Bassa Selim; beide spielen mit Drama und Leidenschaft, das hält sie bei ihm. Die „Martern“-Arie nutzt Herzog, um die beiden im Spiel mit dem Feuer zu zeigen, ein toller Einfall. Marguerre brilliert mit sicheren, strahlenden Koloraturen und Diven-Pose.

Pedrillo (Fritz Steinbacher als strahlender Draufgänger mit leichten technischen Einschränkungen) ist ein glatzrasierter Vertreter des White Trash. Um Osmin (Wen Wei Zhang), Selims Mann für alles, zu provozieren, putzt er die Stühle mit der Flagge. Osmin rächt sich, indem er Pedrillo im Putzeimer dem Waterboarding unterzieht und dabei singt: „Erst geköpft, dann gehangen…“

Das Singspiel ist liebevoll inszeniert, mit Blick fürs Detail. Ein türkisches Mädchen küsst ihren deutschen Freund hinter der Hausecke, bindet sich ihr Kopftuch wieder um und läuft nach Hause. Als Osmin Pedrillo das erste Mal Gift und Dolch an den Hals wünscht, betrachtet er liebevoll einen Dönerspieß.

Graduell spitzt sich der Clash der Kulturen zu, wobei sich die Abendländer nicht mit Ruhm bedecken. Pedrillo will nicht nur die Frauen mitnehmen, sondern raubt auch Selims Büro aus. Konstanze weiß nicht einen Moment, was sie will, auch das Blondchen (gelegentlich hysterisch: Tamara Weinreich) hält sich sowohl Osmin als auch Pedrillo warm, will aber eigentlich lieber ihre Ruhe. Herzog fängt geschickt einige Überspanntheiten des Stephanie-Librettos ein. Die leidigen Sprechszenen sind aufgefrischt mit meist angenehm zurückhaltenden Aktualisierungen. Erfreulich konzentriert und frisch musizieren die Dortmunder Philharmoniker unter Motonori Kobayashi. Transparent und rhetorisch flexibel setzen sie den Notentext um.

Das Konzept funktioniert, bis Bassa Selim die zwei Paare auf der Flucht erwischt. Die Sprechrolle ist mit dem politischen Kabarettisten Serdar Somuncu besetzt. Somuncu spielt überzeugend den türkischen Pascha, der in der Leidenschaft kindisch wird. Nun hält er eine Wutrede: Ihr versteht uns nicht, sagt er den Deutschen, ihr habt uns zu dem gemacht, was wir sind. Darauf folgt das bewegende Duett zwischen Konstanze und Belmonte. Die Musik gibt beiden Sängern Gelegenheit zu glänzen und spricht von tiefem Gefühl. In der Herzog-Inszenierung wird die Stelle zum Fremdkörper. Bassa Selim kommt wieder, bei Mozart folgt nun die Schlüsselstelle: Der absolute Herrscher wird zum aufgeklärten Fürsten, Selim lässt Milde walten und erlaubt Belmonte, mit seiner Braut abzureisen. Mozart pries damit Kaiser Joseph II. als modernen Monarchen. Herzog inszeniert gegen die Geschichte, gegen die Musik und gegen alle Logik seiner eigenen Produktion. Sein Selim brüllt machtlos herum, und schickt das Quartett mit einem heiseren „Haut ab“ weg, geht hin und erschießt sich. Warum? Das weiß man nicht. Herzog, der vorher so geschickt seine Charaktere entwickelte, hat die „Hintergrundgeschichte“ des Bassa Selim gestrichen und bietet keine Alternative an. Das Schlussquartett, in dem die Freigelassenen Selims Milde preisen, klingt noch nicht einmal mehr wie Hohn, denn schon stürmt Osmin mit Patronengürtel nach vorne.

Noch ein Ärgernis: Osmin, den Zhang durchweg überzeugend singt und spielt, zeigt sich als bösartiger Prügler. Nur: Mozart hat mit Absicht eine parodistische Janitscharenmusik unter den Text gelegt. Herzog ignoriert den Humor wie den Humanismus und befrachtet das Singspiel mit Vorstellungen zu aktuellen ethnisch-politischen Konfliktlinien, die er aber nicht überzeugend andockt.

30.5., 7., 13., 20., 22.6., 4.7., Tel. 0231/ 50 27 222,

www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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