Jelineks „Schatten“ und Monteverdi in Essen

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Auf einem Kleiderberg: Johanna Wokalek spielte Elfriede Jelinkes neuen Text „Schatten“ ▪

Von Edda Breski ▪ ESSEN–Eine Enttäuschte spricht. Ein Berg Kleider und ein Wesen, das sich auflösen will, das ist in Elfriede Jelineks Text „Schatten (Eurydike sagt)“ vom Orpheus-Mythos übrig geblieben.

Die Literaturnobelpreisträgerin hat den Monolog für einen Orpheus-Abend an der Philharmonie Essen geschrieben. „Blicke nicht zurück“ ist der zweite Themenabend unter dem Motto „Sommernachtstraum“. In einem immerhin fünfeinhalbstündigen Programm wurde die klassische Sage in drei Darstellungsformen auf ihre Wirkmacht getestet: Claudio Monteverdis Oper „Orfeo“ spiegelt die Rezeption des Antiken am Aufgang der Moderne, das Ballett „Cherché, trouvé, perdu“ des Südfranzosen Patrick Delcroix ist eine Reflexion über die Möglichkeit von Beziehungen.

Elfriede Jelineks Frau – sie und ihr Mann, der „Sänger“ bleiben unbenannt – reflektiert in beißender Metaphorik ihre Existenz. Die schwangere Johanna Wokalek („Baader Meinhof Komplex“, „Die Päpstin“) spricht die Ungenannte mit einer Sprödigkeit und einem Zynismus, die Jelineks Nicht-Figur gut treffen. Eurydike, bei Jelinek eine Schriftstellerin, deren Wortfluss versiegt, ist eine kernlose Frau und insgesamt ziemlich larmoyant. Untergebuttert vom Sänger, ungeliebt von der Mutter und sich selbst, hat sie sich im Leben eine Hülle aus Kleidung gemacht. Wokalek hockt in der Essener Philharmonie eine Stunde lang auf einem Kleiderberg. Hinter ihr zeigt ein Film in langen Einstellungen Olivenbäume von oben und einen verzerrten Schatten. In Jelineks Text spielt eine Ausgebrannte vor sich selbst Theater. In ihrem Auflösungsprozess vollzieht sie eine finale Selbstbespiegelung in der Attitüde öffentlicher Zurschaustellung. Die letzten Worte des sich auflösenden Schattens sind: „Ich bin.“

Johanna Wokalek hat die Strichfassung selbst besorgt, dabei scheint die Architektur des Textes einiger Säulen verlustig gegangen zu sein. Jelinek spannt einen Referenzrahmen von Freud bis zum Dekonstruktivismus. Ihre Sätze formen sich um Assoziationswechsel herum, Wörter behandelt sie wie Chimären, deren Erscheinung vom Archaischen ins Ultramoderne umschlägt. Der Blick des Sängers auf den unwillig folgenden Schatten ist der Blitz eines Fotohandys. „Verwerfen“, verlangt der Schatten und sinkt zurück.

Die vorangestellte halbszenische Aufführung von Monteverdis „Orfeo“ ist, obwohl die Regie einige augenzwinkernde Frechheiten eingebaut hat, ein konventionelleres Vergnügen. Orpheus verliert Eurydike und fährt in den Olymp auf, was der Sänger (Nikolay Borchev) und Apoll (Miljenko Turk) als triumphale Selbstbestätigung zelebrieren. Man könnte Jelineks Eurydike verstehen.

Die Partitur erblüht unter der Behandlung durch Thomas Hengelbrock und das Balthasar-Neumann-Ensemble. Der Balthasar-Neumann-Chor singt vorzüglich, die Solisten überzeugen durchweg.

Das Ballett des Kylián-Schülers Patrick Delcroix wird im Essener Stadtgarten getanzt von Mitgliedern des Aalto-Balletts. Delcroix verbindet eine hektisch-moderne Bewegungssprache mit lyrisch-klassischen Einsprengseln, ordnet sein achtköpfiges Ensemble zu Paaren und weist ihnen Lichtquadrate zu. Die Musik aus Arvo Pärths „Fratres“ und „Tabula rasa“ gibt einen hastigen Puls und motivische Wiederholungen vor. Delcroix destilliert aus dem Orpheus-Rückblick sein Grundthema: dass der Mensch eigenartige Magnetkraft besitzt, die ihn zu anderen zieht, aber dauerhafte Berührung unmöglich macht.

Quelle: wa.de

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