Jeff VanderMeer beschreibt im Roman „Auslöschung“ poetisch eine Sperrzone

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Der amerikanische Autor Jeff VanderMeer

Von Ralf Stiftel - Irgendetwas ist passiert, damals vor 30 Jahren in der Area X, nah am Meer. Und neben einer Militärbasis. Eine Umweltkatastrophe? Fehlgeschlagene Experimente? Das verrät Jeff VanderMeer in „Auslöschung“ nicht. Übrig blieb der Schauplatz des Romans, ein suggestiver Ort, wie selten einer beschrieben wurde.

Das Buch des amerikanischen Autors beschreibt eine Expedition im Regierungsauftrag in das verbotene Gelände. Offiziell ist es der zwölfte Versuch, das Gebiet zu erkunden. Erfolgreich war noch keiner. Die Gruppe besteht aus vier Frauen, deren Namen der Leser nicht erfährt. Die Biologin ist die Ich-Erzählerin, dann gibt es noch die Anthropologin, die Landvermesserin und die Psychologin, die das Kommando hat und ihre Begleiterinnen hypnotisiert. Ohne diese Maßnahme kommt man nicht in die Area X.

Dieser Science-Fiction-Roman hebt sich von vielen anderen Werken des Genres ab. Keine blutrünstigen Aliens. Kein Weltraum-Western. Kein kosmischer Krieg. Stattdessen schildert VanderMeer, 1968 in Pennsylvania geboren und auf den Fidschi-Inseln aufgewachsen, ein geradezu idyllisches Biotop auf der Erde, irgendwo an der (vermutlich) amerikanischen Küste. Nur ist die Natur hier fremd geworden. Tiere haben sich verändert, Meeresechsen haben sich ans Süßwasser angepasst und umgekehrt. Ein wilder Eber hat einen befremdlichen Schmerz im Blick, als er auf die Frauen zustürmt. Und die Sinne der Forscherinnen verwirren sich, sie empfinden „dieses tiefe, mächtige Wehklagen während der Dämmerung“, notiert die Biologin: „Der Wind vom Meer und die merkwürdige Still des Hinterlands trübten unseren Orientierungssinn, wir wussten nicht, woher es kam, und so schien dieses Klagen in das schwarze Wasser einzusickern, das die Zypressen durchtränkte.“

Die Frauen stoßen auf ein seltsames Gebilde, einen zwanzig Meter durchmessenden Block, der tief in die Erde führt. Während ihre Begleiterinnen von einem Tunnel sprechen, beharrt die Biologin darauf, dass dies ein Turm sei. Und in ihm lebt etwas Fremdes. In der Tiefe gibt es etwas wie Ranken, die an den Wänden wuchern, wie kleine Pilzwälder, und sie formen einen lesbaren Text, der aufscheint und mit dem Verwelken der Gewächse wieder verblasst. So lesen sie eine apokalyptische Botschaft an der Wand: „Ich werde die Saat der Toten gebären und mit den Würmern teilen die ...“ Die Biologin, die sich ohnehin von ihren Kolleginnen unterscheidet, kommt der Vegetation zu nah und atmet Sporen ein. Das verändert sie.

Die Spannung dieses Romans kommt von innen. Die Frauen entwickeln tiefes Misstrauen gegeneinander. Man weiß, dass sich die Teilnehmer einer früheren Expedition selbst umbrachten, die einer weiteren töteten sich gegenseitig. Welchen Auftrag hat die Psychologin? Was wurde den Forscherinnen verschwiegen? Was lauert in der Tiefe des Turms? Was stürmt vom Meer auf den Leuchtturm zu, in dem sich die Tagebücher der früheren Expeditionsteilnehmer stapeln?

Dieser überaus intensive Roman endet offen. VanderMeer schrieb ihn als Auftajkt der „Southern Reach Trilogie“. Die weiteren Bände „Autorität“ und „Akzeptanz“ folgen im Frühjahr.

Jeff VanderMeer: Auslöschung. Deutsch von Michael Kellner. Verlag Antje Kunstmann, München. 237 S., 16,95 Euro

Quelle: wa.de

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