Jean-Claude Berutti inszeniert „Kabale und Liebe“

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Ihre Liebe bleibt chancenlos: Christoph Jöde und Bettina Lieder in „Kabale und Liebe“ in Dortmund ▪

Von Ralf Stiftel ▪ DORTMUND–Wütend setzt Ferdinand seinem Vater die Pistole auf die Stirn. Der Adlige will sein Glück mit der bürgerlichen Musikantentochter Luise erzwingen. Doch der Vater, ein smarter Politiker im grauen Anzug, zeigt sich von der Waffe unbeeindruckt. Er geht einfach voran, auf das Mädchen zu. Er weiß, dass Ferdinand nicht abdrücken wird.

Friedrich Schillers bürgerliches Trauerspiel „Kabale und Liebe“ kommt am Theater Dortmund wuchtig über die Rampe. Ein internationales Team inszeniert den 1784 uraufgeführten deutschen Klassiker des Sturm und Drang: Der französische Regisseur Jean-Claude Berutti, der ägyptische Bühnenbildner Rudy Sabounghi, die belgische Kostümbildnerin Colette Huchard, und man merkt ihre Herkunft kaum. Sie vermitteln die Geschichte einer nicht standesgemäßen Liebe, die durch politische Intrigen tödlich endet, textnah, ohne aufgesetzte Aktualisierungen. Wenn der Stadtmusikant Miller am Anfang über die Affäre zwischen dem Major und seiner Tochter schimpft, dann hat er tatsächlich das Cello aus Schillers Regieanweisung im Anschlag. Bücher stehen am Bühnenrand, die Geschenke Ferdinands, und Miller hält einen Band hoch mit den Porträts von Marx und Engels. Das sind die „Gebete“ der Jugend. Liebe ist Revolution. Ein bisschen schlicht kommt das rüber und unvermittelt. So, wie der Präsident von Walter sein „Projekt“ mit seinem Sohn und der fürstlichen Mätresse Milford erwähnt, was Politikersprech ist und nicht Schiller. Zwischen den Szenen krachen Rockakkorde als Pausenzeichen.

Trotzdem bleibt dieser Abend nah am Dichter. Die Darsteller sprechen die stilisierte Prosa wunderbar flüssig. Das macht Christoph Jöde zu einem glaubwürdigen Ferdinand, auch wenn er etwas zu oft mit der Pistole fuchtelt (am Ende benutzt er ja Gift). Er spricht oft laut, stets ganz oben auf der Gefühlsskala. Er ist ja auch Rebell, er erregt sich. Und findet dabei noch zärtliche Zwischentöne. Fein vermeidet Bettina Lieder, die Luise nur als leidendes Opfer zu zeigen. Sie besteht darauf, selbst über sich zu bestimmen, und es braucht viel böser List und Gewalt, um sie zu zwingen. Beide gestalten ihre Rollen als Identifikationsfiguren für junge Zuschauer, weil ihnen ein junger Sound gelingt.

Stark ist die Szene, in der Walters Sekretär Wurm Luise den falschen Liebesbrief diktiert. Das liegt allerdings mehr noch an Uwe Rohbeck, der in dem erlogenen Text die vieldeutigen Gefühle des ungeliebten Verehrers mitschwingen lässt. Axel Holst spielt den Präsidenten als Erz-Politiker, der seine Gefühle hinter einer glatten Fassade verbirgt und der viele Schläge braucht, um die Fasung zu verlieren.

Andreas Beck gibt dem Miller eine große Präsenz, spielt den zärtlichen Vater, der Luise immer umarmt, streichelt, küsst, aber auch den Bürger, der weiß, was sich schickt und welche Rechte er hat. Und Caroline Hanke spielt die Lady Milford mit einer schönen Mehrdeutigkeit, verflacht sie nicht zur idealen Überfrau, sondern gibt der mit Schmuck behangenen Szene-Schickse eine gute Portion realistischen Selbstsinn.

Hier wird Schiller nicht neu erfunden. Aber er wird mit souveränem Handwerk wirksam ins Bild gesetzt.

5., 14., 26., 27., 31.10.,

Tel. 0231/ 50 27 222,

http://www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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