23. Jazzfestival Münster überzeugt mit Vielfalt

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Mischt Weltmusik mit Jazz: Trompeter Avishai Cohen beim Jazzfestival Münster. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ MÜNSTER–Der Trompeter mit dem roten Rauschebart und dem kecken Hut staunt. „Ihr wollt noch mehr Musik? So viele Stunden hört ihr schon und wollt noch mehr?“ Dann nimmt er einen Schluck Wein und legt los.

Avishai Cohen und sein Quartett „Third World Love“ liefert den perfekten Abschluss zum 23. Internationalen Jazzfestival Münster. Gerade noch waren sie selbst den Fans im Publikum ein unbeschriebenes Blatt. Nun aber reißen sie die Zuhörer hin mit ihrer Mischung aus swingendem Mainstream, Rumba und nordafrikanischen Klängen. Diese beherzte Musik markiert nicht gerade die Spitze der Avantgarde, aber die vier US-Amerikaner spielen sie mit solcher Freude, dass es alle von den Sitzen reißt.

Damit lieferte Festivalleiter Fritz Schmücker wieder einmal den perfekten Abschluss für drei Tage voller Überraschungen. Die Westfalenmetropole hat sich mit ihrem Festival im Zwei-Jahres-Rhythmus als Jazzstandort etabliert. Hierhin kommen sie gern, die Entdecker unter den Hörern. Unabhängig vom Programm ist das Stadttheater stets Wochen im Voraus ausgebucht. Münster erweist sich als undogmatische Schwester des Moers-Festivals: In Westfalen will keiner die Zukunft des Jazz definieren. Trotzdem haben die Programme Relevanz, filtert Schmücker treffsicher heraus, was frisch ist, ohne es unter ein Leitthema zu zwingen. Diese Lockerheit hat sich bewährt.

Das Spektrum reichte von der lustvollen Mischung aus Power-Jazz und Weltmusik à la Avishai Cohen über intime kammermusikalische Klänge bis zu wilden Experimenten. Das deutsch-schweizerische Trio Dolce Vita erkundete in der Besetzung Claudio Puntin (Klarinette), Jörg Brinkmann (Cello) und Johannes Fink (Bass) die Welt des Filmkomponisten Nino Rota, mal feinsinnig die klanglichen Randbereiche der Instrumente erkundend, dann auch handfest swingend, wobei Brinkmann am Cello wie auf einer Gitarre den Rhythmus markierte. Den Gegenpol bildete das Quartett Rétroviseur, bei dem Bassistin Fanny Lasfargues ihr Instrument mit Paukenklöppel und Plektron traktierte, Stephan Caracci das Vibraphon schon mal mit dem Geigenbogen anstrich, Schlagzeuger Yann Joussein zur Blockflöte griff und Saxophonist Yoann Durant das Mundstück lasziv bezüngelte und ein Glas Wasser blubbernd durch das Instrument laufen ließ. Die Franzosen entfesselten Energie wie eine Rockband, spielten freie Passagen und wurden dann wieder sehr sanft.

Ein wenig Prominenz hatte auch Münster im Angebot. In der Nacht zum Sonntag präsentierte Joachim Kühn, der wohl prominenteste deutsche Jazzpianist, sein Trio „Out Of The Desert“ mit einer Synthese europäischer und afrikanischer Klänge. Das Theater war ungeachtet der späten Stunde voll, der WDR übertrug live, Kühn und seine Begleiter wollten gar nicht aufhören zu spielen angesichts der Begeisterung des Publikums.

Der Posaunist Christian Muthspiel jodelte mit einem interkontinentalen Sextett um die Rhythmusgruppe Jerome Harris und Bobby Previte. Der Österreicher lotete die eigene Geschichte aus, ließ die Stimmüberschläge durch den Computer laufen und erläuterte geradezu ethnologisch ihre Herkunft. Dazwischen aber boten die Musiker heftig groovende Funk-Klänge. Noch druckvoller war die Cosmic Band des italienischen Posaunisten Gianluca Petrella mit einer vielstimmigen Hommage an den legendären Sun Ra. Petrella wuselte über die Bühne, gab hier ein Zeichen, steuerte da den Computer, lenkte sein zehnköpfiges Ensemble in immer neue, mitreißende Einfälle zwischen Pop, Funk, Free. Zur Festival-Eröffnung war Petrella ein Solist in Bobby Prevites Pan Atlantic Band mit einem durchaus verwandten Sound-Spektrum.

Eine Art Schwerpunkt bildete die Szene aus Norwegen: Das Duo Sidsel Endresen und Håkon Kornstad faszinierte anfangs. Der Saxophonist vervielfältigte sich mit Electronic-Loops zum Ein-Mann-Orchester, zu dem Endresen rauchige Bluesphrasen und atonale Scats sang. Auf Dauer aber blieb das Konzept klanglich zu beschränkt. Vollends introvertiert der Auftritt des finnisch-norwegischen Trios Ounaskari/ Jorgensen/ Mikkonen mit elegischen Klanggebilden, inspiriert von nordischer Folklore. Dieser Hybrid aus Schönklang und Autismus hatte seine magischen Momente, wenn der Trompeter Per Jorgensen den Kopf hob und sang. Erfrischend danach die Zanussi Five, die mit drei Saxophonisten mächtig aufspielten.

Auch die lokale Szene wird gehegt, unter anderem mit der Verleihung des Preises Westfalen-Jazz. Die erste Frau, die ausgezeichnet wurde, hatte bereits einen Auftritt in der RTL-Show „Supertalent“. Die Bielefelderin Barbara Buchholz spielt Theremin, ein frühes elektronisches Instrument, das sie mit Handgesten um zwei Antennen zum Klingen bringt. Ihr Auftritt mit Guy Sternberg an der Elektronik und Claudio Puntin hatte allerdings mit der kitschigen Interpretation von „Somewhere Over The Rainbow“ für den Kommerzsender nichts zu tun. Diesmal führte sie wundervolle Klangdialoge mit dem Schweizer an der Klarinette und an „kleinen Instrumenten“ wie einem Kinderpiano, einer Vogelflöte und einer Aufziehpuppe, die auf einer Trommel tanzt.

Quelle: wa.de

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